328 Ʒwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
nicht mehr getanzt wurden, erweiterte man ihre rhythmischen
Teile, punktierte sie sorgfältig aus und erhielt so freier charakte—
risierte Musikstücke, denen nur noch gewisse Eigenarten des
früheren Tanzes verblieben.
Und diese Einzelstücke verband man dann, etwa durch eine
Toccata oder ein Präludium eröffnet, zu einem in sich nach
Rhythmus, Toncharakter und Stimmung harmonischen Ganzen
und erhielt so die erste groß angelegte Kompositionsform der
Instrumentalmusik, die Suite: schon in der zweiten Hälfte des
17. Jahrhunderts erscheint sie entwickelt.
Indem aber die Instrumentalmusik diese Entwicklung
nahm, war es gegenüber dem so verschiedenartigen Klangcharakter
der einzelnen Tonwerkzeuge kaum mehr möglich, an der alten
Polyphonie des Kontrapunktes festzuhalten; man mußte ihre
Gebundenheit verlassen und zum modernen homophonen Stil
übergehen, d. h. zu derjenigen Satzart, in der wesentlich nur
eine einzige melodieführende Hauptstimme herrscht, während
die andern nur begleitende Nebenstimmen sind. Und bald wurde
für diese ganz neue Musik, welche einen vollen Bruch mit aller
Vergangenheit bedeutete, auch eine leidlich orientierende Theorie
gefunden. Im Jahre 1722 gab Jean Philippe Rameau, der
größte Nachfolger Lullys und Vollenber der französischen Oper des
—18. Jahrhunderts, seinen „Traité de l'harmonie“*“ und 1726
sein „Nouveau système de musique théorique“ heraus. In
diesen Werken werden aus der Sympathie (dem Mitklingen)
der Töne als einem Naturgesetze die Beziehungen der Töne zu⸗
einander und ihre Verbindungen zu Intervallen und Akkorben
hergeleitet, und indem der Terzenaufbau als Grundlage aller
Akkordbildungen angenommen wird, wird der Kern einer Akkord—
lehre geschaffen, die bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts
fast unbestritten geherrscht hat.
Es ist die theoretische Eingangspforte zu einer neuen
Musik; eröffnet ward diese durch die intensivere musikalische
Verwendung einer Mehrheit von Tonwerkzeugen neben der
menschlichen Stimme. Doch nicht alsbald ut 'die ausübende