Weitere musikalische und literarische Übergänge. 331
weiternd. Und ein so gewaltiges Oratorium wie der „Israel“
ist fast ganz aus imposanten, sich überbietenden Chormassen
aufgetürmt.
Daneben aber nahmen auch die Ausdrucksmittel für die
Einzelstimmen eine eigenartige Form an. Für sie bestand nicht
das opernhafte Bedürfnis einer springenden Charakteristik je
nach den einzelnen Gesten der handelnden Person; da mit ihnen
unsichtbare, häufig für unser Gefühl halb oder ganz tran—
szendente Personen, wie Christus oder die Apostel, darzustellen
waren, so mußten sie mehr typisch als subjektiv gewandt werden.
Und hiermit wurde ihnen eine Aufgabe gestellt, der sie eben
zur Zeit Händels im höchsten Grade gewachsen waren: Unüber—
treffliches hat Händel darum grade in den Arien seiner Oratorien
geschaffen.
Aber auch für die Tonmalerei sind die Ausdrucksmittel bei
Händel schon glänzend entwickelt. Wunderbar ist in dieser Hin—
sicht z. B. die Schilderung der ägyptischen Plagen im „Israel“.
Mit welcher Sicherheit ist da doch der Ekel gemalt, als jeder
Trank Wassers zu Blut wurde, und mit welchem Schauder erfüllt
die Musik, die von der Finsternis berichtet! Gleichwohl er⸗
scheinen grade in diesen Versuchen doch auch die Grenzen der
Zeit: die Skala der Empfindungen, die durch die Musik völlig
zum Ausdruck gebracht werden, ist noch gering, der Ausdruck
3. B. des Schrecklichen, Grausigen, Übermächtigen, überhaupt
der völlig extremen Stimmungsgehalte noch nicht gefunden. Im
ganzen überwiegt noch das Liebliche, Anmutige einer Zeit des
Rokoko; und auch in entgegengesetzten Stimmungen bricht es
in Spuren immer wieder durch.
War Händel der dramatische, objektive, das Typische wieder⸗
gebende und weiterbildende Meister der ernsten Musik seiner
Zeit, so darf Bach als der lyrische, schon stark subjektiv gewandte
musikalische Herzenskünder derselben Periode bezeichnet werden:
abschließend, wie Händel, zugleich aber vorwärtsweisend in
ein neues Zeitalter musikalischer Empfindung, hat er geschaffen.
Eng aufs Heimatliche begrenzt war Johann Sebastian
Bachs Leben gegenüber dem Händels. Sproß einer durch sechs