Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Weitere musikalische und literarische Übergänge. 335 
15. und 16. Jahrhunderts in das Leben der Gegenwart noch 
mit den Forderungen auch römisch-antiker Poetik hineinragte: 
auch der Aufschwung des neuen Lebens entfaltete sich nicht ohne 
neuen Zusatz aus dem unerschöpflichen Borne der nationalen 
Vergangenheiten der antiken Kultur. 
Indem man leise der Entfesselung der Phantasie in einem 
neuen Zeitalter der Dichtung zuzustreben begann und sich, 
in den ersten Anfängen dieser Bewegung, nur noch binden 
wollte an die subjektive, durchaus persönliche Aufnahme reiner 
Eindrücke der Natur, glaubte man, was man erstrebte, als 
von den Griechen einstmals schon erreicht zu sehen: reines 
Griechentum und reine Natur erschienen so zuerst den 
Schweizern, bald aber auch andern als gleichartige, ja als 
identische Begriffe. Und so erfaßte man, indem man sich neuen 
Idealen mit noch unbewußtem Ahnen näherte, mit aller Seele 
den fernen Zauber der griechischen Poesie, und den verhallen— 
den Einflüssen der wesentlich römischen Renaissance des 
16. Jahrhunderts folgten, enthusiastisch begrüßt, die zunehmen— 
den Wirkungen einer neuen, hellenischen Wiedergeburt. 
Im Beginn des 18. Jahrhunderts waren die klassischen 
Studien, die sich aus der Humanistenzeit in Mittelschulen und 
Hochschulen gerettet hatten, allenthalben verfallen. Die deutsche 
Philologie war auf einem Tiefpunkt angelangt, die letzte Blüte der 
niederländischen klassischen Gelehrsamkeit begann zu verwelken!. 
In den Mittelschulen trieb man fast nur noch Latein, Griechisch 
eigentlich nur noch zum Verständnis des Neuen Testamentes; 
daneben wucherte üppig die christliche Dogmatik empor, und die 
Religion war zu einem Gegenstand nicht mehr der Erziehung 
und des Empfindens, sondern der Überlieferung und des 
Wissens geworden. 
Auch in dem, was man bald anfing, schöne Wissenschaften 
zu nennen, hatte die Antike um diese Zeit ihren unmittelbaren 
Einfluß fast ganz verloren. Während die römische Renaissance 
des 16. Jahrhunderts bei den romanischen Völkern allenthalben 
S. Bd. VI, S. 161.
	        
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