Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Weitere musikalische und literarische Übergänge. 337 
auf das intellektuelle Gebiet. Aber die ästhetischen Interessen 
waren darum, ewig wie sie im Urbedürfnisse der Menschenseele 
begründet sind, keineswegs ausgestorben. Nur im Verfall be— 
griffen waren sie, namentlich insoweit sie eine Beziehung zur 
Antike hatten: sie nährten sich noch immer von der alten, 
lateinischen, römischen, in der Kunsttheorie rationalistisch ge— 
wandten Renaissance; aber schon sah man den Todesengel an 
ihnen vorüberziehen; ihre Formen waren abgegriffen und bis 
zur letzten denkbaren Kombination abgewandelt, und jeder 
ernstere Inhalt war ihnen entflohen. So bedurfte es neuer 
Anregungen, um sie zu fördern und zu beleben, und früh 
schon, namentlich auf dem Gebiete der Dichtkunst, wurden sie 
grade von rationalistisch charakterisierten Geistern wiederum bei 
den Alten gesucht. Aber nun freilich, da diese erste Anregung 
doch eben von ästhetischer und das heißt im tiefsten Grunde 
gefühlsmäßiger Seite ausging, wie die ganze griechische Re— 
naissance der späteren Zeit wesentlich auf die Phantasietätigkeit 
der Nation gewirkt hat, nicht bei den Römern, sondern bei den 
Griechen, nicht bei den Vertretern des geharnischten Intellektes 
der Antike, sondern bei den unübertroffenen Meistern des schönen 
Scheins. 
Wollte man aber in Deutschland die Schätze der Griechen 
heben, so war das möglich nur auf dem Wege philologischer 
Gelehrsamkeit, durch tieferes Eindringen also zunächst und vor 
allem in ihre Literatur. Und so führten denn die ersten 
Schritte auf dem Wege zu einer neuen Renaissance, ganz im 
Gegensatz zu der Entwicklung der humanistischen Renaissance, 
nicht zu einem erneuten Durchleben des Altertums, zu einem 
enthusiastischen Aufgehen in eine Kultur, der man sich in jeder 
Hinsicht unterlegen glaubte — schon hatte Bacon inzwischen das 
harte Wort gesprochen, daß die Neueren die Alten überholt hätten —, 
sondern zunächst nur zu einem Wiederaufleben des Betriebes 
der philologischen Gelehrsamkeit!. Und damit nahmen denn 
Erst später treten dann wohl Ineinssetzungen moderner Persönlich— 
keit und antiker Kultur, wie sie zur Humanistenzeit fo zahlreich begegnen, 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 1. 22
	        
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