Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

338 Zwanzigstes Buch. vViertes Kapitel. 
diese Anfänge auch von vornherein sehr im Gegensatz zu ihrer 
späteren Wirkung den rationalistischen Charakter des wissen⸗ 
schaftlichen Betriebes der Zeit überhaupt an. Aber zu keiner 
Zeit auch der späteren Entwicklung dieser Renaissance hat sich 
verkennen lassen, daß sie an erster Stelle gelehrten Konzeptionen 
ihr Leben verdankt hat. 
Das, was die ersten Gelehrten der neuen Bewegung in 
den Schriften der Alten, vor allem der Griechen, zunächft 
suchten, waren daher nicht mehr bisher unerreichte ästhetische 
Lebensideale, deren Nachahmung etwa eine ganz neue Stufe 
der geistigen Entwicklung hätte einleiten können, sondern nur 
Vorbilder, an denen man den modernen Geschmack zu stärken 
und vor allem, da man nun einmal im Zeitalter der Auf— 
klärung lebte, sein Urteil zu schärfen imstande sei: formal also 
und intellektuell vor allem sollten die Griechen der modernen 
Entwicklung weiterhelfen. In diesem Sinne sagt zum Beispiel 
Ernesti in seinen „Initia doctrinae solidioris“ (1755): „Wer 
aber die Alten nach vorgeschriebener Art lieset und dabei die 
Gründe von der Mathematik studieret, bekömmt geübte Sinnen, 
das Wahre von dem Falschen, das Schöne von dem Unförm— 
lichen zu unterscheiden, allerhand schöne Gedanken in das Ge— 
dächtnis, eine Fertigkeit anderer Gedanken zu fassen und die 
seinigen geschickt zu sagen, eine Menge von guten Maximen, 
die den Verstand und Willen bessern, und hat den größten 
Teil desjenigen schon in der Ausuübung gelernet, was ihm in 
einem guten Compendio philosophiae nach Ordnung und 
Form einer Disciplin gesagt werden kann, daher er in einer 
Stunde sodann mehr Gründliches lernt, als er außerdem in 
ganzen Monaten und Wochen fassen würde.“ Und ähnlich 
äußert sich noch 1780 Christian Georg Heyne in seiner Nach⸗ 
richt von der gegenwärtigen Einrichtung des königlichen 
auf; und auch dann nur auf Zeit und vereinzelt. So schreibt z. B. 
Nicolai, als er im Jahre 1757 mit M. Mendelssohn in Berlin zusammen 
den griechischen Homer kennen lernte: „Die erste Lesung der Ilias und 
Odyssee tat auf mich eine wunderbare Wirkung; ich lebte eine Zeitlang in 
Troia und Ithaka.“
	        
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