340 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
befreiend zu wirken begonnen. Unter diesem Einflusse war
man vor allem in ein nachhaltiges Studium des Griechischen
eingetreten. Und dabei wurde dieses Studium nicht mehr auf
das Neue Testament und sonstige theologisch wichtige Autoren
beschränkt: die Philosophen und Dichter vielmehr wollte man
vor allem verstehen lernen, von Homer bis herab zu den großen
Tragikern. In dieser Richtung hat in erster Linie Tiberius
Hemsterhuis (16883— 1766) gewirkt; er war der erste große
griechische Grammatiker des Abendlandes, wenn er auch noch
keine entwicklungsgeschichtliche Betrachtung der Sprachen kannte;
er liebte Aristophanes vornehmlich und Lucian. Uad was er
begonnen, haben dann der feurige Valckenaer (1715- 1785)
und der behäbige, in Leiden angestellte Pommer David Ruhnke
(17238 1798), der Verehrer Platos, zu vertiefen gesucht.
Diesem Aufschwung parallel und von ihm vielfach unter⸗
stützt und gehoben, verlief eine gleiche Bewegung im inneren
Deutschland. Indem man sich hier aus dem Zusammen⸗
sturze der Philologie in der Periode des Dreißigjährigen Krieges
zu erholen begonnen hatte, war zunächst eine Zeit kompila⸗
torischen Fleißes gefolgt, die wohl durch nichts besser gekenn⸗
zeichnet wird, als durch die Bibliotheca Latina und die
Bibliotheca Graeca des unermüdlichen Fabricius (1668 bis
1736), deren erste in 8 Bänden zuerst 1697, deren zweite
zuerst 1705 bis 1728 in 14 Bänden erschien. Diese Periode
wurde nun abgelöost durch die neue hellenifche, anfangs zumeist
auf holländisches Vorbild gestützte Entwicklung.
Als erster Vertreter der damit beginnenden Bestrebungen
und zugleich deren Verbreiter auf weite Länderkreise ragt Johann
Matthias Gesner (1601-1751), seit 1730 Rektor der Thomas—
schule in Leipzig, seit 1734 Professor an der Universität Göttingen,
hervor.
Gesner hat mit Hemsterhuis zusammen den Lucian und
die Orphika herausgegeben, doch war er daneben als Ge⸗
lehrter immer noch vornehmlich im Lateinischen tätig. Was
aber wichtiger war: er stellte die neuen hellenischen Studien
in den Dienst der Pädagogik. Schon als Dreiundzwanzig⸗