342 Swanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
energischsten und meist auch frühesten die Gruppe der protestan—
tischen Staaten des Südens.
Doch wäre es falsch, sich unter dem Eindrucke dieser
Reformen die gelehrte Mittelschule der zweiten Hälfte des 18.
schon unter dem Bilde etwa des Gymnasiums des 19. Jahr⸗
hunderts vorzustellen. Nur ganz bevorzugte Schulen bewegten
sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts schon stark über den
Lehrbetrieb des 16. Jahrhunderts hinaus; für die meisten galt
noch die alte Methode und das alte Leben: engste Verbindung
mit der Kirche, höchst geringe Schätzung des Schulamts, für
das noch kein besonderer Stand vorgebildet wurde; der Schul—
beruf noch vielfach Durchgangsberuf der Theologen und als
Lebensberuf nicht selten Sache von Existenzen, die andere
Berufe verfehlt hatten.
III.
1. Schauen wir an dieser Stelle zurück, um den Charakter
der geistigen Bewegungen in Deutschland etwa nach dem Jahre
1740 im ganzen zu betrachten, soweit diese für das fernere
Schicksal der deutschen Dichtung von Bedeutung werden
konnten, so tritt uns ein ungemein reiches, freilich auch sehr
wenig übersichtliches Bild entgegen.
An erster Stelle nimmt der Kampf zwischen Gottsched
und den Schweizern die Aufmerksamkeit in Anspruch; er ist
das äußerlich auffallendste Ereignis; und er bezeichnet auch in
der Tat den Höhepunkt einer ersten theoretischen Auseinander⸗
setzung zwischen individualistischer und leise subjektivistischer
Auffassung vom Berufe des Poeten; die ersten einander
entgegengesetzten Schlagwörter in diesem Kampfe: Verstandes⸗
mäßigkeit und Phantafie, gelehrte Schönrednerei und schwung—
haftes Pathos, waren erschollen. Aber darüber hinaus zu
einem tieferen Verständnis der Gegensätze war man noch nicht
gelangt; und ein großes Gebiet gemeinsamer Anschauungen,
das sich doch bei vollendetem Durchdenken des neuen Stand—
punktes nicht halten lassen konnte, war den Gegnern noch ver—