346 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
Ramler (1725— 1798). Wir werden seinen gefeilten Oden,
die schwerer Arbeit ihr Dasein verdanken, heute ebensowenig
Beachtung schenken, wie dies der große König selbst tat, wenn
sie auch nicht ganz ohne dichterischen Wert sind, da durch die
große Phrase und den banalen Gedanken doch hier und da
Empfindung hervorbricht: den Zeitgenossen sind sie bedeutend
erschienen.
Aber inzwischen hatte die Hallesche Poesie eine Wendung
mehr ins Griechische, wenn auch immer noch unter Hochhaltung
französischer Muster, genommen. Es war eine Wendung, die
gewiß einem tieferen Zuge des nationalen Verhältnisses zur
Antike entsprach, die aber zugleich auch durch eine jetzt ebenfalls
hellenisierende Weiterbildung der französischen Poesie nahegelegt
ward. Vertreter dieser Richtung waren zunächst vier Studenten,
die sich noch unter dem Schutze Pyras in Halle zusammen⸗
gefunden hatten: Gleim, Rudnik, Uz und Götz. Von ihnen ist
Rudnik früh gestorben, war Götz wohl derjenige, der der reiz⸗
vollen Heiterkeit der Griechen am nächsten kam, hat sich Uz,
seinem Vorbild Pindar folgend, vornehmlich in formvollendeten
Oden ausgezeichnet; am wichtigsten aber wurde Gleim (1718
bis 1803).
Gleim gab, nachdem Uz 1742 mit seinem „Frühling“
hervorgetreten war, der ganzen Gruppe gleichsam das Etikett
mit seinen „Scherzhaften Gedichten“ vom Jahre 1744 und
deren Motto: Nos haec novimus esse nihil; unzählige Male
sind sie von anderen Verfassern in einer Menge „lieblicher“,
„„ärtlicher“ und „scherzhafter“ Lieder nachgeahmt worden; vor
allem aber hat Gleim sich selbst in zahlreichen Sammlungen
bis tief in die siebziger Jahre hinein kopiert.
Eine dieser Sammlungen führt den Titel: „Gedichte nach
Anakreons Manier“. Das war es. In leichtgeschürzten
Strophen, unter angeblicher Anlehnung an die Antike, suchte
man die naiven Reimschmiedereien nachzuahmen, welche die
Philologie dem Anakreon zuschrieb. Aber es geschah nicht aus
dem Herzen heraus, und so geschah es manieriert. Tiefe
Empfindung, überzeugende Wahrheit, Unmittelbarkeit der meist