Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Weitere musikalische und literarische Übergänge. 347 
fragwürdigen Erlebnisse darf man bei diesen im Grunde arg 
philisterhaften Dichtern nicht suchen. Von ihnen gilt, was 
Gleim von seinem Damon aussagt: 
Schöne Sachen schwatzt mir Damon 
Von der Liebe vor: 
In mein Herz kommt nichts, er schwatzet 
Fwig für mein Ohr! 
Und was diese Dichter schwatzen, steht an Gedankengehalt 
aoch weit unter den Leistungen der Leipziger und erst recht 
Hagedorns. Wie einfach sind die Requisiten ihrer Poesie: 
kleine lauschige Täler, Myrthenhaine, Blumen, Lerchen, Nachti— 
gallen — und vor allem Schafe, Schäfer und Schäferinnen! 
Es ist der Apparat der Hirtendichtung der Renaissance, nur 
um ein Bedeutendes reduziert, mit einigem Hervordrängen 
Amors, Hymens und gelegentlich auch des Bakchus; ein Lied 
für einen festen deutschen Mannestrunk bis zum Rausche bringt 
diese Poesie nicht zustande: nur zum Nippen neben der Liebe 
reicht es aus, und das Trinken soll dann gar verständig 
machen: 
dieben will ich und auch trinken: 
Aus der hohlen Hand 
Meiner zärtlichen Belinde 
Trink' ich mir Verstand! 
Verständig, hohl und platt, nicht kindlich, aber gelegentlich 
kindisch, im ganzen herzlich unbedeutend ist auch sonst der In— 
halt dieser Poesie; selbst in der Beschreibung des einzigen tiefer 
erfaßten Objekts, des Frauenzimmers, bleibt sie oberflächlich und 
trotz allen Details ungegenständlich: 
Ihr tiefes Grübchen in dem Kinn! 
Ihr schönes Blut! Ihr Schoß! 
Ihr Wuchs! Ihr Gang! O Zauberin! 
O Göttin! Laß mich los! 
Aber man will auch gar nicht tiefer gehen. Ausdrücklich 
heißt es leben und leben lassen: 
Brot hat mir Gott und Wein dazu gegeben! 
Wenn er mir nun noch Liebe gibt, 
So fehlt mir nichts!
	        
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