350 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
Vereinfachung verwickelter Vorgänge im Sinne der Verstän—
digungskunst des gemeinen Mannes, biederer Soldatenhumor
zwischendurch und, alles überragend, eine klare Weltanschauung,
die im Christengott den preußisch-nationalen Herrn der Heer—
scharen, den unverbrüchlichen Bundesgenossen des „Menschen—
freundes“ nicht bloß ahnt, sondern in naiver Unmittelbarkeit
in Anspruch nimmt: das waren die Elemente, die Gleims
Kriegsliedern etwas Reales gaben und sie eindringen ließen in
Volk und Heer. Und in zuversichtlicher Erwartung ihrer Kraft
hatte sie der Dichter ausgehen lassen: so
. singe Gott und Friederich
Nichts Kleiners, stolzes Lied!
Dem Adler gleich erhebe dich,
Der in die Sonne sieht!
Gleims Kriegslieder sind eine Erscheinung für sich: sie
sind das inkarnierte Erscheinen gleichsam der Person des großen
Königs selbst in unserer Poesie durch Vermittlung eines
Dichters, der sich in seinen späteren Arbeiten nie wieder auch
nur entfernt zur Höhe der Grenadierlieder erhoben hat. Darum
stehen sie einsam da in der Dichtung der Zeit; denn was
Preußen und Berlin sonst noch zum Lobe des großen Königs
gesungen hat, steht allzusehr im Kernschatten der großen Per—
sönlichkeit und reicht nicht entfernt heran an die Schöpfung des
Halberstädter Domsekretärs.
Inzwischen aber war der neue Zeitgeist, wie er sich jetzt
schon ein wenig entschiedener in Regungen einer immerhin noch
verschleierten Empfindsamkeit auszuprägen begann, tiefer in die
horazischer und anakreontischer, die römischer und hellenischer
Neigung vollen Dichterkreise eingedrungen: immer stärker be—
gann ein neuer Empfindungsinhalt in wesentlich noch alten
Formen zu gären, immer gefühlvoller wurde die Schalkhaftig⸗
keit, immer tiefer das zarte Empfinden, immer sicherer die
Rückkehr zur einfachen Liedform unter Abwerfen des schellen⸗
lauten Alexandriners, immer sauberer und schimmernder die
Sprache und reiner von Roheit, Wildheit und Wust: es war