Weitere musikalische und literarische Übergänge. 351
wie die Unruhe des Wassers vor einem gewaltig befreienden
Fall in die Tiefe einer andern landschaftlichen Umgebung.
In der Schweiz, wo Brockes „Irdisches Vergnügen in
Gott“ lebendige Aufnahme und dauernde Verehrung gefunden
hatte, von wo aus Hallers „Alpen“ ertönt waren, in der Heimat
Rousseaus, war Ewald von Kleist (1715 - 1759), ein Offizier
des Preußenkönigs aus Pommern, zur Landschaftspoesie an—
geregt worden, nachdem ihn unglückliche Liebe von dem leichten
Tändelton Gleimscher Anakreontik befreit hatte. Gefühlvoll
malte er in seinem „Frühling“ (1749) einzelne Bilder des
Lenzes und umrahmte und verband sie durch philosophische
und moralische Betrachtungen, während er in anderen Gedichten
statt des elegischen den heroischen Ton anschlug und so in
höherer Potenz der Empfindung verknüpfte, was das Element
der „Scherzhaften Lieder“ und der „Grenadierdichtungen“ Gleims
zewesen war. Und würde er nicht, bei längerem Leben, ganz
einer Poesie der Empfindung anheimgefallen sein, er, der Dichter
der Zeilen:
Wir küßten uns, sowie die Wachtel schlug,
Wir seufzten wie die Abendwinde —?
Gewiß: in seinem „Frühling“ erhebt er zunächst nur die
Art des Brockes in eine frischere, poesievollere Luft und läutert
sie durch edlere Sprache und reineren Geschmack. Aber es
treten doch auch die Empfindungen von Brockes, und selbst die
frommen, inniger, wahrer, demutsvoller und zugleich schwung⸗
hafter auf. Und Kleists Freund Lessing versichert uns, daß
sich der Dichter auf den „Frühling“ das wenigste einbildete.
„Hätte er länger gelebt, so würde er ihm eine ganz andere
Gestalt gegeben haben ...., er würde aus einer mit Empfin—
dungen nur sparsam durchwebten Reihe von Bildern eine mit
Bildern nur sparsam durchflochtene Folge von Empfindungen
gemacht haben.“
Kleists „Frühling“ erschien aber zugleich in den Jahren,
da Thomsons „Jahreszeiten“, denen Haydn sein Oratorium nach—
komponiert hat, in Deutschland eifrige Leser und Leserinnen
fanden: die Periode der Naturschwärmerei, die zwischen Menschen—