Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

352 Zwanzigstes Buch. Viertes RKapitel. 
geist und Landschaft sich schiebende Empfindsamkeit brach herein. 
Und noch auf dem Boden gelegentlich recht süßlicher Ana— 
kreontik, doch dicht schon an der Schwelle eines in vollen Zügen 
atmenden modernen Naturgenusses hat ihr der Züricher Geßner 
den allgemeinsten Ausdruck gegeben: seine „Daphnis“ vom 
Jahre 1754 und seine prosaischen Idyllen vom Jahre 1756 
mit ihren Schäfern und Schäferinnen, die bei aller scheinbaren 
Naivität und aller entwicklungsgeschichtlichen Abhängigkeit vom 
galanten Hofidyll der Franzosen der Hauch einer ins Senti⸗ 
mentale gemilderten Alpenluft umfließt, überholten um diese 
Zeit fast die Popularität der mitteldeutschen Anakreontik. 
Und zugleich erschien bei Geßner die Kunst der Naturbetrach⸗ 
tung bis hart an die äußerste Grenze individualistischen Könnens 
gefördert; gewiß verfährt sie noch malerisch beschreibend und 
geht demgemäß ins Einzelne und in die Breite; die Empfindung 
für die Gesamtreize einer ganzen Landschaft nach dem Wechsel 
der Jahreszeiten oder des geologischen Aufbaues oder auch der 
Flora und Fauna ist noch gering; aber doch sind alle Einzel⸗ 
heiten schon in das gemeinsame zarte Kolorit des Empfindsamen 
getaucht und verschwinden so wenigstens in der subjektiven Be⸗ 
obachtung des Dichters zu einem Kosmos. 
2. Bisher hatte die neue Strömung, die aus der Kombi— 
nation älterer geistiger Bewegungen mit jener stärker werdenden 
Renaissance hervorging, die ihrerseits zum großen Teil wieder 
nur den aufbrechenden Subjektivismus in seinen primitivsten 
Formen maslkierte, sich wesentlich nur auf lyrischem Gebiete 
erprobt. In ihrem weiteren Verlaufe aber, da sie den Ratio— 
nalismus Gottscheds hinter sich ließ, wie er sich auf dem Ge— 
biete des Theaters vor allem ausgewirkt hatte, wandte sie sich 
auch der wichtigsten Gattung auf dem Gebiete der literarischen 
Entwicklung seit dem 16. Jahrhundert zu, dem Drama. Und 
mit dem Zuge zum Drama erwachte zugleich der ihm historisch 
so verwandte zur Satire. In dieser Verallgemeinerung aber 
kehrte die literarische Bewegung auch noch einmal nach ihrem
	        
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