Weitere musikalische und literarische Übergänge. 355
Aber neben der dramatischen Richtung war auf deutschem
Boden, wie wir wissen!, die satirische niemals ganz zugrunde
gegangen. In den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts hatten
Wernicke in Hamburg (starb nach 1710) und der Mecklenburger
Liscow (1701 - 1760) die norddeutschen Traditionen Laurenbergs
in Epigramm und Invektive fortgesetzt, doch war der weitaus
jüngere von beiden, Liscow, nach der grausamen Abschlachtung
seiner Gegner, des Magisters Sicius in Lübeck und des Pro—
fessors Philippi in Halle, im Jahre 17832, in den Hintergrund
getreten. Dann hatte, ebenfalls noch vor der Höhezeit des
Gottschedschen Streites, Kästner mit witzigstem Verstande, doch
ohne den tiefen Untergrund leidenschaftlichen Humors und vollen
Herzens zu spotten begonnen.
Als bezeichnendste Träger aber der Satire treten um
diese Zeit Rabener und Zachariä hervor. Von ihnen hatte
Rabener (1714 - 1771), seit 1741 Steuerrevisor in Leipzig,
1758 nach Dresden versetzt, an sich das Zeug zum großen
Satiriker: tiefe Menschenkenntnis, plastische Phantasie und
sichere Kunst drastischer Schilderung; und auch der Mut der
Selbsterkenntnis und Selbstverspottung, sowie anderen gegen⸗
über sittlicher Ernst und reine Absicht der Besserung fehlten
ihm nicht. Nur eins ließ er vermissen: den heiligen Zorn
des öffentlichen Tadels und den hohen, weltverachtenden Mut nach
allen Seiten hin, nach oben wie nach unten, den solcher Zorn
eingibt. Rabener selbst sagt einmal in Erkenntnis, aber Ent—
schuldigung dieses Mangels: „Viele gehen in ihrem Eifer, das
Lächerliche der Menschen zu zeigen, gar zu weit und verschonen
keinen Stand. Es ist wahr, es gibt in allen Ständen Toren;
aber die Klugheit erfordert, daß man nicht alle tadle; ich
werde sonst durch meine Überzeugung mehr schaden, als ich
durch meine billigsten Absichten nutzen kann. Der Ver—
wegenheit derer will ich gar nicht gedenken, welche mit
hrem Frevel bis an die Tore der Fürsten dringen und die
S. oben S. 288 ff.