Weitere musikalische und literarische übergänge. 359
der nicht viel Verstand besitzt, die Wahrheit durch ein Bild zu
sagen“, der fromme, aber oft doch recht prosaische Liederdichter,
der ein getreuer Sohn war des absterbenden Zeitalters eines
ausschließlichen, die Welt und die Geister doch immer noch
führenden Rationalismus. Das ist der Gellert, der in seinen
Vorlesungen wenigstens zu Goethes Zeit weder Klopstock noch
Lessing, noch Gleim, noch Kleist, noch Wieland, noch Gesner
zu nennen pflegte: der letzte bedeutende Kopf, der schließlich aus
einer vergessenen Zeit hineinragte in eine neue.
IV.
Wir haben im Vorhergehenden gesehen, bis zu welchem
Grade eine als Ganzes und Ausgesprochenes noch immer ver⸗
borgene Geistesbewegung auf neue, subjektivistische Ziele hin das
rationale Fundament der Dichtung des ausgehenden individua—
listischen Zeitalters unterwühlt hatte, und wie ihr dabei von
einer neuen, wenn auch noch halbrationalistischen hellenischen
Renaissance Hilfe geleistet worden war.
Hatten nun die gleichen Strömungen nicht auch auf die
zildenden Künste Einfluß?
Im Bereiche der bildenden Künste hatte die Malerei in
der niederländischen Entwicklung der Rubens und Rembrandt
eine Ausbildung erfahren, die alle Möglichkeiten des individua—
listischen Zeitalters erschöpfte; und Hindeutungen des Rokokos
auf den lichten Ton der Freilichtmalerei des subjektivistischen
Zeitalters waren nur scheinbar von entwicklungsgeschichtlicher
Bedeutung gewesen und im Grunde aus ganz anderen Motiven
als denen, die lichtumflossene Erscheinungswelt als solche
wiederzugeben, hervorgegangen!. So war in der Malerei
ein weiterer Fortschritt so bald nicht zu erwarten — ganz davon
abgesehen, daß hier die Antike aus Mangel bis dahin über—
lieferter und schon wieder aufgedeckter Malereien schwerlich bildend
rinzuwirken imstande war.
S. oben S. 208.