362 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
der künstlerischen Triebe in der Nation nur schwer herzuleiten.
Ihren wesentlichen Ausdruck fanden diese während der eigent—
lichen Renaissancezeit in der Malerei und der Griffelkunst eines
Holbein und Dürer; die Baukunst ward vernachlässigt und ihre
Erzeugnisse verrieten ein Chaos künstlerischer Gestaltung: gotische
und antike Motive, vertikale und horizontale Tendenzen liefen
bunt neben- und durcheinander.
Erst das Barock brachte eine gewisse Klärung. Jetzt traten
deutlichere Bauideale hervor: der Palast von bedeutender Höhe
und gedrungener Zentralanlage, die katholische Kirche der Gegen⸗
reformation, der Predigtbau des evangelischen Bekenntnisses.
Und jetzt vermählte sich auch der Fortschritt der künstlerischen
Anschauungskraft mit der klaren Einsicht in die räumlichen
Bedürfnisse; die Lichtführung in diesen neuen Räumen, maje⸗
stätisch gedacht in den Profanbauten, zur Verzückung hinreißend
im katholischen Kuppelbau, zu andachtsvoller Ruhe einladend in
den Hallen des Luthertums und des Calvinismus: sie ward
zum Problem der weiteren künstlerischen Durchbildung.
Und noch einmal ward die Lösung dieses Problems, in
der Baukunst von vornherein an die Forderungen der Monarchie
und des Christentums der Zeit gebunden, durch eine Wandlung
der Baubedürfnisse tief beeinflußt. Der Absolutismus Lud—
wigs XIV. wie die ihm untergebene Gesellschaft ward des
prunkenden Palastlebens müde, sie wählte die Einsamkeit länd—
licher Schlösser, deren Anlage den kleinen deutschen Territorial⸗
fürsten von vornherein nahelag. So wurde der Bann des
Barockpalastes, dessen Belichtung in Mitteleuropa von vorn—
herein etwas andere Bedingungen gefunden hatte als in seinem
südlichen Heimatlande Italien, nun vollends gebrochen: weit
auseinanderlaufende Schloßanlagen von mäßiger Geschoßzahl
und horizontaler Wirkung ersetzten die gedrungen aufstrebenden
Zentralbauten des Barocks: und volles Licht drang in das
Innere der neuen Räume. Damit trat an Stelle der konzen⸗
trierten Lichtführung des Barocks mit ihrem Durcheinander von
Reflexen und Helldunkelwirkungen eine breitere, vollere, einfachere