Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

364 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel. 
Bestreben, auch die tektonische und statische Seite der antiken 
Baukunst zu erneuen, und bis zum Ende des Barocks hat 
man geglaubt, die Alten wirklich nachzuahmen — niemand 
vermeinte antiker zu sein als die Franzosen unter Lud— 
wig XIV. —, ja selbst noch im Rokoko hielt man sich für 
gewiß, der Hauptsache nach unter antiker Führung zu schaffen. 
Aber was war der tatsächliche Erfolg? Die modernen, die 
nationalen und kirchlichen Bedürfnisse warfen die ganze antike 
Lehre über den Haufen; immer mehr entfernte man sich von 
den Vorschriften sogar der antiken Architekten, und nichts blieb 
schließlich übrig, als das angeblich besonders antike Streben 
nach der einfachen Vornehmheit, der simplicité noble. 
In Wahrheit hieß dies freilich nichts, als die Vernüchterung 
der eigentlich baulichen Teile der Architektur. Und da mad 
gleichzeitig im Ornament des Rokokos die Willkür der Schmuck⸗ 
weise zum eigentlich Grundsätzlichen erhob — ein Prinzip, das 
immer rasch zum Phantasielosen und namentlich zu unerträglich 
nüchternem Naturalismus geführt hat —, so entstand das, was 
die späteren Rokokobauten darbieten: ein voller Bankroit der 
tektonischen wie der konstruktiven Seite der Baukunst. Der 
Einfluß der Antike, allzu stark zugelassen und verehrt, hatte so— 
mit zur völligen Brache der eignen und damit der grundlegen⸗ 
den Entwicklung geführt. Daher nun jene entsetzliche Nüchtern⸗ 
heit der Bauten bis tief hinein ins 19. Jahrhundert, das Haus— 
väterliche, Philisterhafte der Anlage, der Mangel heiteren 
Schmuckes. 
In dem Augenblicke nun, da diese Ernüchterung, dies 
Nachlassen jeglicher architektonischer Phantasie in den ersten 
tiefen Spuren zutage zu treten drohte, da man anfing, Ekel vor 
dem Spiel eines immer ausschweifenderen Rokokos zu empfinden, 
wurden auf dem Wege archäologischer Forschung zum ersten 
Male Bauten der Alten genau und authentisch bekannt. 
Man begreift, was die Wirkung sein mußte. Wie ver— 
mochte die älteren Vorschriften zufolge noch immer recht ver— 
wickelte Baulehre des Rokokos vor der hehren Einfalt eines 
griechischen Tempels zu bestehen? Und wie das lüsterne Spiel
	        
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