Weitere musikalische und literarische üÜbergänge. 3658
des zeitgenössischen Ornamentes vor der unbewußten Grazie
der Handwerkerdekorationen Pompeis? Es war klar: man
war in die Irre gegangen; erst jetzt lernte man die Antike
oerstehen, wenn man auch noch ganz an der Schwelle wirklicher
Einsichten war. So konnte auch vom Standpunkte der Ver—
ehrung der Antike das Bestehende keine Gnade mehr finden;
wie die Kunst sich ausgelebt hatte, so war sie kritisch beseitigt:
ein Neues mußte an ihre Stelle treten.
Aber welches Neue? Besaß man eine negative Klarheit,
so war sie doch schwer in positive Ziele umzusetzen; und noch
wirkte das Alte mit aller Wucht des Vorhandenen. Diesem
Zusammenhange, zugleich dem seit Mitte des Jahrhunderts
überall hervorbrechenden Streben nach Natürlichkeit als einer
ersten Überwindung des Rationalismus verdanken die so—
zenannten klassizistischen Bauten ihre Entstehung.
Die Wiege dieses Klassizismus ist noch einmal Frankreich
gewesen. Man versuchte dabei den Ausweg aus der Sackgasse
des Rokokos zunächst in doppelter Weise zu gewinnen. Einmal
hatte sich in Italien im Gegensatze zu den wachsenden Aus—
schreitungen des dort noch fortwuchernden Barocks eine puristische
Reaktion eingestellt, die vor allem in Venedig Fuß faßte.
Sie wurde durch Servandoni nach Frankreich verpflanzt, durch
den 1737 publizierten Brief Cochins „an einen jungen Maler“
gefördert und gewann Boden vor allem auch dadurch, daß sie von
der Pompadour, die seit 1741 den König beherrschte, empfohlen
wurde. Anderseits war von England im Verlaufe der großen
britischen Einflußzeit auf Frankreich eine neue Stilabart nach
Paris herübergekommen, deren Anforderungen sich nun mit
denen des italienischen Importes mischten. England hatte das
Janze 16. Jahrhundert hindurch keine Architektur der Renaissance
gesehen; erst ins Jahr 1608 fallen die ersten Versuche in diesem
Stile zu Oxford. Dann aber hatte sich in der zweiten Hälfte
des 17. Jahrhunderts ein besonderer neuklassischer Stil ent⸗
wickelt, in dem zum Beispiel Jones und Wren die St. Pauls⸗
kathedrale zu London gebaut haben. Die vereinfachten Grundlagen
wie auch die Ornamentik dieses Stils gewannen jetzt in Frank⸗