368 Swanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
gewaltsame, gliederverrenkende Pose. Dieser sekundäre und
formale Unterschied erklärt sich daher, daß seit dem Barock,
das derartige bewegte Figuren und Gruppen aus einem inneren
Prinzipe seines Wesens hervorgebracht hatte, die Plastik als
Dienerin der Architektur und der Gartenkunst einen fast rein
dekorativen Zweck erhalten hatte, der nur unter gewaltsamer
Bewegung der Figuren erreicht werden konnte.
In diese Lage der Dinge ergossen sich nun die neuen Ein—
flüsse der Antike. Vermittelt wurden fie vornehmlich durch
Friedrich Oeser, einen österreichischen Maler, der sich in Dresden
niedergelassen hatte, und der, als schöpferischer Künstler wenig
bedeutend, in seiner Farbengebung widerwärtig kreidig, in seiner
Eigenschaft als ästhetischer Denker und anregender Kunstfreund
von weitreichender Wirkung gewesen ist; später, als Direktor der
Leipziger Kunstschule, ist er bekanntlich auch Goethes Lehrer
geworden. Sein erster und auf dem eigentlichen Boden seiner
Tätigkeit größter Schüler aber war Winckelmann. Winckel—
mann, als Sohn eines armen Schusters im Jahre 1717 zu
Stendal geboren, ist eine der merkwürdigsten geschichtlichen Er—
scheinungen. Weder durch Geburt noch durch Umgebung
irgendwie zum Gelehrten oder gar zu seiner späteren Mission
vorbereitet, wurde er durch einen im höchsten Grade entwickelten
Sinn für die Schönheit vornehmlich männlicher Körper bei
ziemlicher Unfähigkeit zu künstlerischem Schaffen der besonderen
Betrachtung der Plastik zugetrieben. Im Sommer 1748 kam
er aus trauriger Jugend und noch traurigerem Berufsleben
seines angehenden Mannesalters als Bibliothekar des Staats⸗
mannes und Historikers Grafen von Buünau in die Nähe
von Dresden; hier und in Dresden, vielfach in vertrautem
Verkehr mit Oeser, ist er bis zu seiner Abreise nach Rom im
Jahre 1755 geblieben. Man versteht, wie Winckelmann von
Oeser lernen mußte, und wie beide Neuerer zusammenstimmten.
Als Ergebnis ihres beiderseitigen Verkehrs wie der besonderen,
systematisch fich erst langsam regenden ästhetischen Empfindung
Winckelmanns erschien kurz vor der Abreife nach Rom Winckel⸗
manns erste Schrift: „Gedanken über die Nachahmung der