370 J Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
Ende der bisher festgehaltenen Richtung drohte, wurden sie das
künstlerische Programm der nächsten Zeit.
Denn schon war, während Winckelmann nach Rom ging
und jene Studien aufnahm, die ihn in der Geschichte der Kunst
des Altertums weit über seine Dresdner Programmschrift
hinaustrugen, wenigstens ein Künstler erstanden, der die
Forderungen des Dresdner Kreises zu verwirklichen bestrebt
war: Raffael Mengs. Im Jahre 1728 zu Aussig geboren, dann
in Dresden als Pastellporträtist von außerordentlicher Geschick⸗
lichkeit tätig, war er früh nach Rom gegangen, das ihm zur
zweiten Heimat wurde; in Rom ist er im Jahre 1779 gestorben.
Das technische Können war bei Mengs im höchsten Grade ent—⸗
wickelt: und so konnte es ihm, im Sinne seiner Zeit gesprochen,
nur noch darauf ankommen, auch seinen Geschmack zu bilden.
Mengs hat in dieser Richtung selbst viel nachgedacht; denn
„Klugheit“ und Wissen erschienen ihm als wesentliche Voraus⸗
setzungen eines großen Malers. Und da fand er denn, daß es
zwei Wege zum guten Geschmacke gebe. Der schwerere sei die
der Nachahmung der Natur, der leichtere der der Nachahmung
großer Meister. Demgemäß sei es das beste, den zweiten Weg zu
betreten. Er führt nach Mengs zunächst zur Nachahmung der
drei Lichter“ Raffael, Correggio, Tizian, deren erster den Aus—
druck, zweiter die Grazie, dritter das Kolorit zu treffen lehre.
Allein damit stand nun Mengs noch nicht still. UÜber die
Neueren hinaus führen nach ihm die Griechen; sie haben ohne
Vorbild die Natur wahrhaftig nachgeahmt, während sie schon
wieder von den Neueren kopiert wurden: bei ihnen also läßt
sich das Geheimnis der Kunst wenn nicht aus erster, so doch
unmittelbar aus zweiter Hand empfangen. „Niemand von den
Neueren ist auf dem Weg der Vollkommenheit der alten
Griechen gegangen, denn alle Künstler nach der Wieder—
erfindung der Kunst haben nur das Wahre und Gefällige zur
Absicht gehabt; und wenn es auch wahr wäre, daß sie wirklich
in den Teilen, die sie besaßen, auf den höchsten Gipfel ge—
kommen wären, so bleibt noch übrig für den, der die Voll—