Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

20 Neunzehntes Buch. Erstes Kapitel. 
Umgebung der burgundischen Fürsten des 15. Jahrhunderts 
zurückverfolgen!. Seine ersten festen Wurzeln aber schlug es, 
in Anlehnung wohl an das italienische Ideal des Gentiluomo, 
am Hofe Ludwigs XI. und namentlich Ludwigs XII., unter 
welchem Hof und Heer mehr als früher hervorzutreten begannen. 
Selbständiger und wahrhaft französisch entfaltete es sich dann 
in den glänzenden Festen des ritterlichen Königs Franz J. Und 
seit den letzten Zeiten König Franzens begann es sich über Europa 
zu verbreiten. 
Für das anfängliche Verhältnis der deutschen Höfe zu 
dieser Kultur und zu diesem neuen Ideal ist es bezeichnend, daß 
unsere Fürsten noch in den dreißiger Jahren des 16. Jahr⸗ 
hunderts an den französischen Hof jeder in dem Deutsch seines 
Landes schrieben; Franz hielt damals noch einen Dolmetscher, 
der diese Schriftstücke erst ins Gemeindeutsche, dann ins Fran⸗ 
zösische zu übersetzen hatte. Im Jahre 1613 dagegen ver— 
breiteten pfälzische Diplomaten in Deutschland eine Denkschrift 
über den Reichstag zu Regensburg in französischer Sprache. 
Die zwischen diesen Daten liegenden zweieinhalb Menschenalter 
bilden die Zeit zunehmenden französischen Einflusses und ein— 
dringender französischer Gesellschaftsideale zunächst an den 
deutschen Höfen. Man beobachtet, wie zunächst der pfälzische 
Hof, von dem aus schon im Jahre 1502 der Kronprinz Ludwig 
zur Erziehung nach Paris gesandt worden war, französisch 
wird; ihm folgen dann, zum Teil unter dem Einflusse der 
französisch-burgundischen Hofhaltung Karls V., schüchtern 
einige andere rheinische und süddeutsche Höfe. Darauf ver— 
—D 
fürstliche Räte französisch, und einzelne deutsche Fürsten be— 
ginnen französisch zu korrespondieren, vornweg wiederum die 
Pfälzer. 
Es war die Zeit, da der Einfluß des französischen Cal— 
vinismus dem des königlichen Hofes zur Seite trat; seiner 
Bgl. hierzu und zum Folgenden Steinhaufen in Zeitschr. f. vergl. 
Literaturgesch, N. F. 7, 349 ff.
	        
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