372 Swanzigstes Buch. Viertes Lapitel.
Auffassung der Kunst als eines Vermögens äußerlicher, formaler
Wiedergabe der Erscheinungswelt, seinen charakteristischsten
Ausdruck in der Behauptung, daß es jeder Kunst möglich sein
müsse, jegliches nachzuahmen, und diese Behauptung wurde mit
Vorliebe in den Satz gekleidet, daß die Malerei nichts sei als
eine mit Farben arbeitende Dichtung, die Dichtung nichts als
eine mit Worten schildernde Malerei ut pictura poesis. Die
Aufhebung der getrennten Wirkungsgebiete der einzelnen Künste
und vor allem die Ineinssetzung der Gebiete der Malerei und
der Dichtung war also das bezeichnendste äußere Ergebnis der
aufklärerischen Ästhetik.
Lessings, Laokoon“ trägt den Nebentitel: „Über die Grenzen
der Malerei und Poesie“; er geht gegen das vorspringendste
und festeste Bollwerk der herkömmlichen Asthetik an, gegen die
Verwischung dieser Grenzen. Und er tut dies auf Grund von
Beobachtungen an der klassischen Kunst: ein weiterer Schritt
zur Entwicklung eines neuen Kunstideals wird noch immer mit
Hilfe der Antike unternommen!.
Lessing geht dabei von den Abweichungen aus, die sich in
der Darstellung der Laokoonsage durch Vergil und durch die
Statuen der Laokoongruppe finden. Aus ihnen entwickelt er
die Unterschiede zwischen der Dichtung und einer bildenden
Kunst, die er noch nicht in die besonderen Gattungen der
Malerei und der Plastik spaltet. Und da findet er folgende
Abweichungen: die bildende Kunst arbeitet mit anderen Mitteln
oder Zeichen als die Dichtkunst, nämlich mit Figuren und
Farben im Raume, während sich diese der Worte bedient.
Dementsprechend ist die bildende Kunst ein⸗ Kunst des Raumes
und der Körper, die Poesie eine Kunst der Zeit und der Hand⸗
lungen. Hieraus ergibt sich, daß Gegenstand der bildenden
Das ut pictura poesis hat allerdings schon Brämer (Gründliche
Untersuchung von dem wahren Begriff der Dichtkunst“, 1744) bekämpft.
Die besonderen Regeln der beiden Künste dürfen nach ihm nicht zugleich
und in einem Zufsammenhange abgehandelt werden: „wie ein jeder leicht
begreifen wird, der die Künste der Maler, Bildhauer gegen die Künste der
Rede hält“. Borinski S. 882, Aum 45