Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Weitere musikalische und literarische Übergänge. 377 
griechischer Renaissance entstanden, wie sie in den Dichtungen 
der Anakreontiker und noch mehr in den Arbeiten der ernsten 
Dichter der vierziger bis sechziger Jahre des 18. Jahrhunderts 
zutage trat, so lag es nahe, die Theorie der Dichtkunst, die 
aach den Einwirkungen der Schweizer noch unklar genug ge— 
hlieben war, an der Hand der Alten weiterzubilden. Das um 
so mehr, als der französische Einfluß, wie ihn Gottsched ver— 
—EV Gebiete jedenfalls 
noch nicht gebrochen war, auf dem des Dramas. 
Denn das gespielte Drama der vierziger und fünfziger 
Jahre des 18. Jahrhunderts war noch immer entweder das 
alte volkstümliche, gänzlich im Verfall begriffene Schauspiel, 
gegen das sich Gottsched mit Recht entrüstet erhoben hatte, vor 
allem die Hanswurstiade, oder es war das gereinigte, langweilige 
Schauspiel nach französischer Vorschrift, die Gottschediade. 
Außer diesen beiden Gattungen kamen höchstens noch Auf— 
führungen fremder Stücke und hier wiederum namentlich fran— 
zösischer in Betracht; denn der neueren deutschen literarischen 
Bewegung entsprangen noch keine dramatischen Leistungen von 
Bühnenerfolg; die ersten wichtigeren und eigenartigen Arbeiten 
Lessings stammen erst etwa aus dem Jahre 1758, und noch 
etwas später erst begann die Einwirkung von Johann Elias 
Schlegel und Brawe. Die Bühnendarstellung selbst war dabei 
in hohem Grade roh, die Schauspielhäuser vielfach nur Buden, 
das Publikum unflätiag und nicht selten den Schauspielern gradezu 
lästig. 
Auf diesem Gebiete also vor allem bedurfte es der Reform. 
Lessing aber lag der Gedanke, von sich aus einzugreifen, um so 
näher, als er im Verlaufe seiner Laokoonstudien zu der Auf⸗ 
fassung gelangt war, daß das Drama recht eigentlich die 
Krönung der Poesie sei, da es die willkürlichen Zeichen der 
Dichtkunst, wie sie in der Sprache gegeben sind, durch An— 
wendung der Mittel des Tons, der Worte, der Wortstellung, 
des Silbenmaßes, der Figuren und Tropen, der Gleich— 
nisse u. s. w. zu natürlichen mache, mithin die vollkommenste 
und unmittelbarste Verwertung des dichterischen Stils zur
	        
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