weitere musikalische und literarische Übergänge. 379
studiert hatte, 1767 in der „Hamburgischen Dramaturgie“.
Freilich geschah das auch hier nicht so sehr aus den weitesten
Bedürfnissen der modernsten deutschen Entwicklung heraus,
sondern vor allem im Gegensatze zu Gottsched, dessen Einfluß
auf dem Theater noch immer nicht beseitigt war, und noch
mehr zu den Franzosen überhaupt. Und darum knübpfte sich
die Eroͤrterung gern an die genauere Untersuchung derjenigen
Stellen der Poetik des Aristoteles, für welche die französische
Interpretation von derjenigen abwich, die ihr Lessing geben zu
müssen glaubte. Da war nun der Hauptpunkt der gegen⸗
seitigen Differenzen, daß die Franzosen den Terxt für den Ge—
schmack Lessings immer zu wörtlich nahmen, während Lessing
bor allem dessen Geist verstanden und befolgt sehen wollte.
So forderten die Franzosen, auf Aristoteles gestützt, im Drama
vor allem die absolute, objektive Einheit der Zeit und des
Ortes und stellten den Grundsatz auf, daß im geschichtlichen
Drama der Inhalt des Geschehenen der einstigen Wirklichkeit
entsprechen, also mit objektiver Treue wiedergegeben werden
müsse. Es waren Forderungen, wie sie dem rationalistischen
Prinzip der Nachahmung und der Auffassung der Kunst als
einer bloß formalen Technik entsprachen. Hiergegen wandte
sich nun Lessing an erster Stelle mit aller Schärfe. Nicht
in der objektiven Wiedergabe einer historischen Handlung,
sondern in der Erreichung vielmehr der höchsten subjektiven
Wahrscheinlichkeit des Geschehens, nicht in der Herstellung also
einer äußerlichen, sondern einer innerlichen Einheit des Dar—
gestellten sah er nach Aristoteles das Ziel der dramatischen
Kunst. Diese innere Einheit aber und damit die subjektive
Wahrheit des Dramas war seiner Ansicht nach nicht durch
Anschluß an die geschehene Wirklichkeit und die pedantische
Wahrung der Einheit von Ort und Zeit zu erreichen, sondern
allein durch die Kunst, die Charaktere subjektiv wahrhaftig und
darum den Hörern wahrscheinlich zu schildern. Und so war
ihm denn nicht mehr die platte Wiedergabe des Wirklichen,
sondern die Erreichung eines schönen, idealen Scheins des Lebens
das Ziel aller dramatischen Kunst.