380 Zwanzigstes Buch. Viertes LKapitel.
Es ist klar, daß Lessing sich mit diesen Forderungen weit
über die bisherige Einsicht auch der Besten feiner Nation er—
hob; nicht bloß den Einfluß der französischen Renaissancepoetik
griff er damit entscheidend an; er begann auch die Grund—
lage zu schaffen für ein tieferes Verständnis der Lebens—
bedingungen der jung aufstrebenden deutschen Dichtkunst über—
haupt.
Aber auch hier war es, wie auf dem Felde der Religion
und dem der bildenden Künste, sein Schicksal, nicht vollends
bis zu den neuen Lebensidealen vorzudringen: auch hier ist er
nur der Vorläufer später geborener Glücklicherer und schon
darum Größerer gewesen.
Lessing blieb bei aller Betonung subjektivistischer Momente
doch in der individualistischen Anschauung des Aristoteles von
dem Wesen der tragischen Schuld stecken. Für das neue Zeit—
alter aber, das Lessing schon emporleuchten sah, stand die
Frage nach dem Wesen der dramatischen Schuld als die Kern—
frage eines rein psychologischen Dramas im Mittelpunkte der
Betrachtung. Und zwar erschien sie ihm als notwendig
durch eine wirkliche Verschuldung des Helden verursacht und
eben von diesem Standpunkte aus Ursache und Hebel der
gesamten dramatischen Handlung. Es ist ein Standpunkt,
den das antike Drama, insofern es die Gewalt der Götter be—
stehen ließ und in diesem Sinne von Aristoteles theoretisch be—
arbeitet ward, nicht kannte und in dieser Form nicht kennen
konnte. Denn in ihm ist, grundlegenden Motiven der antiken
religiösen Anschauung entsprechend, die Schuld nicht subjektiv,
nicht Verschuldung, sondern objektiv, Verirrung, Fehltritt, Ver—
gehen, Unglück, Schicksal. Dementsprechend ist die Charakter—
zeichnung nicht eigentlich entwickelnd, sondern sie entfaltet nur
deskriptiv die von vornherein feststehenden Eigenschaften; und
die Tendenz des Ganzen erhält leicht, ja fast unvermeidlich
einen moralisierenden Zug infolge des Hineinragens höherer, der
immanenten Motivierung des Dramas entzogener Gewalten.
Das alles waren nun schon in der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts Eigenschaften des Dramas nicht mehr der