Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel. 
grauen Weiten der gebundenen Kulturen des Mittelalters und 
der Urzeit. 
Sollen wir der Versuchung unterliegen, rückwärts ge— 
wandten Schauens dies Bild noch einmal in kurzen Zügen zu 
zeichnen? Nein: nur im Kontrast gegen den ausgesprochenen 
Subjektivismus gewinnt es seine vollste Tiefenwirkung und 
seine höchsten Farbenreize; und darum wird an den Eingangs— 
pforten zum Subjektivismus selbst, an späterer Stelle, sein 
bester Platz sein. 
Wohl aber werden wir das Bedürfnis fühlen, hier wenigstens 
die letzte Phase des Individualismus, die Übergangszeit schon 
zu primitiv subjektivistischem Seelenleben, uns noch einmal, und 
nun zum ersten Male ganz zusammenfassend vorzuführen. Denn 
gewiß werden wir die tausend Klänge rationaler wie ästhetischer 
wie religiöser Bestrebungen, gemütvollen Daseins wie verstandes⸗ 
mäßigen Vordringens von Zielen des alten Zeitalters in die 
Weisen des neuen im Ohre tönen hören wie ein ungeheures 
symphonisches Gefüge von tausend Themen; und sicher werden 
wir auch des Eindrucks sein, daß sich, allmählich anschwellend 
und immer machtvoller erbrausend, ein eigentliches und neues 
Grundthema erhebt, um in rauschendem Prestissimo ungeahnte 
Empfindungen auszulösen mit dem Anspruch, alles andere zu 
beherrschen: das Thema des Subjektivismus. 
Aber ein anderes ist die Empfindung des Ganzen und die 
Zerfaserung wenigstens der Hauptthemen in ihrem gegenseitigen 
Zusammenhang ins Einzelne; und diese letztere wird ein pflicht⸗ 
bewußter Kapellmeister nicht unterlassen wollen. 
Die allgemeine Erscheinung der Übergangszeit ist zweifelsohne 
die allmählich immer stärker durchschlagende Macht des Gemütes. 
Aber in der Entwicklung welcher Stufenfolge ergibt sie sich? 
Da ist nun kein Zweifel, daß die Bedürfnisse des Gemütes am 
ehesten da wieder tief empfunden werden, wo sie am wurzelhaftesten 
sind, auf religiösem Gebiete. Und innerhalb dieses Gebietes wieder 
im protestantischen und hier wiederum im lutherischen Bekenntnis. 
Man durchdringe sich ganz mit der Bedeutung dieser fundamen⸗ 
talen Tatsache: fie erklärt zum großen Teile das Ausscheiden der
	        
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