Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

386 Swanzigstes Buch. Viertes LKapitel. 
verlief. Und hier sind schon die Vorstufen bedeutungsvoll: die 
erneute Lektüre altmystischer Literatur seit etwa 1600, die Ent— 
faltung einer neuen geistlichen Erbauungsliteratur, deren 
Erponent gleichsam Arndts „Wahres Christentum“ war, das 
Aufsteigen eines hohen religiösen Pathos in der frommen 
Dichtung nach dem großen Kriege. Und dann kamen sie selbst, 
die Zeiten eines Spener und Francke, die Jahre der Gebets— 
praxis und des Bußkampfes hin zum religiösen Durchbruch: 
bis der Pietismus von Zinzendorf und den Herrnhutern über⸗ 
holt ward und schöne Seelen schon eindrangen in die Vorhöfe 
subjektiv⸗quietistischer Frömmigkeit. 
Denn nicht bloß um eine quantitative Steigerung des 
religiösen Gemütslebens handelte es sich; durch anderthalb 
Jahrhunderte hindurch fand zugleich eine qualitative Inten— 
sivierung statt, in deren Verlauf die höchsten Formen individua⸗ 
listischer Frömmigkeit entwickelt und schließlich überschritten 
wurden. 
Inzwischen aber hatte sich, wiederum natürlich in Mittel— 
und Norddeutschland und auf lutherischem Boden, die Macht 
des Gemütes auf einem weiteren, mit dem religiösen freilich 
eng verwandten Gebiete offenbart, auf dem der Weltanschauung. 
Wie fern hatten doch die ersten großen Systeme einer allgemeinen 
Ratio dieser Seite des Seelenlebens gestanden! Ihnen erschienen 
seit Descartes die Tiere als Maschinen und die Dichtung als 
verächtlich und verdächtig zugleich, da sie, eine Erzeugerin leerer 
Hirngespinste, von klarem Denken vollständig ablenke; ja 
wegen der von ihr ausgehenden Erregung als gefährlich. Da 
hat denn Leibniz, der erste große Philosoph des inneren 
Deutschlands, die beherrschende geistige Größe des Ausgangs 
des 17. Jahrhunderts, erst wieder mit dem Dasein eines freien 
Spieles der Affekte zugleich die Berechtigung der Dichtung an— 
erkannt. Und Leibniz ist es auch gewesen, der feinfühlig und 
vorahnend seinem allgemeinen Denken wiederum Elemente des 
Gemütes einverleibte, ja dem Gemüte zum ersten Male wieder 
eine psychologische Stelle anwies, von der aus es, nach den unter⸗ 
brechenden Tagen Wolffs und seiner Anhänger, fähig war,
	        
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