Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

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Swanzigstes Buch. Viertes Kapitel. 
dieser Zeit, des Barocks, diesen Zug kaum bestreiten wollen. 
Denn die gewaltigen Lichtwirkungen, auf die es ausgeht, ent— 
springen einer raffinierten Berechnung aufs Würdig-Schwere, 
Majestätische, und die Formenwelt hat das Gewaltfame eines 
frostigen Pathos. 
Es sind Eindrücke, die fast noch vernehmlicher auch aus 
der Dichtung dieser Tage, der Zeiten vor und nach 1700, zu 
uns sprechen. Auch hier im Grunde schon ein verstandes— 
mäßiger Kern, und auch hier die Umkleidung dieses Kerns mit 
anspruchsvollen Formen. Auch hier mehr Arbeiten auf ober⸗ 
flächliche Stimmungen hin als auf tiefe Bewegung des Ge— 
mütes; Schaffen darum für den Gesamteindruck und Fehlen liebe⸗ 
voller und sinniger Versenkung ins Einzelne. Und dementsprechend, 
begünstigt noch durch die sozialen Vorgänge wie durch die Tat⸗ 
sache ständig fortdauernder, nur halb lebendiger Rezeptionen 
aus der Antike, ein unglaublicher Schwulst: Übertreibungen der 
Sprache ins Ungewöhnliche, Preziöse, angeblich Geistreiche, 
Verkehrung des Inhalts ins Dunkle, Geschraubte, Spitzfindige, 
Erzentrische: im ganzen eine Richtung, deren Ungesundheit grade 
nach der Seite des Gemütslebens den Keim raschen Verfalles in 
sich trug. 
In der Tat sind um 1700 etwa die guten Zeiten des 
Barocks und noch mehr des Schwulstes vorüber. Aber indem 
man sich jetzt noch mehr auf sich selbst besinnt, indem man 
ruhiger wird, treten die Folgen der intellektualistischen Kultur 
für die Künste erst recht hervor. 
Die bildenden Künste verlieren mehr und mehr an Interesse; 
das Leben wird ärmer an hochstehenden ästhetischen Formen; 
die Architektur gibt das Spielen mit dem wuchtigen Zierat des 
Barocks auf, sie verliert die konzentrierte Lichtführung; das 
Rokoko tritt auf mit seinen hellen Räumen, seinen großen, 
poesielosen Fenstern, seiner geringen Entwicklung der architek— 
tonischen Glieder, seinen hausbackenen Fassaden, dem später 
Stockwerk auf Stockwerk türmenden Kasernenstil seiner größeren 
Schlösser. Und mehr noch als bisher lehnen sich ihm Bildnerei 
und Malerei als dienende Kunste an. Dabei steigt die Technik
	        
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