Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Weitere musikalische und literarische Übergänge. 389 
ins Raffinierte, aber es ist die des Dekorateurs; und vor allem: 
die Kunst gilt als erlernbar, und der Virtuose steht über dem 
Meister. 
Die eigentliche Führerin auf ästhetischem Gebiete aber wird 
jetzt langsam und leise die Dichtung. Sehr natürlich; ihr 
Werkzeug ist die Sprache, das Organ der Gedankenbildung; 
mehr als irgend ein anderes Material weiß sie der Neigung 
des Zeitalters zur rationalen Auffassung der Künste zu folgen. 
Denn jetzt erscheint die Dichtung als „anmutige Gelehrsam⸗ 
keit“, und alles Volk der Dichter schwört zu Boileaus Versen: 
Aimez donc la raison! Que toujours vos écrits 
Empruntent d'elle seule et leur lustre et leur prix! 
Und so folgt dem Schwulst eines Hofmannswaldau die halbe 
Prosa Gellerts und Hagedorns. 
Gewiß fehlte es bei alledem nicht an wirklichen Errungen⸗ 
schaften. Die Entwicklung der ästhetischen Fassungskraft siand 
auch jetzt nicht still; der Ersatz der künstlichen Lichtführung 
der Barockarchitektur durch die natürlichere des Rokoko be— 
deutete einen Fortschritt, der auch der Malerei zugute kam; 
und in der Malerei erlebte der Farbensinn die feinere Ent— 
faltung des Verständnisses vor allem der lichten Schattierungen 
und damit einen leisen ersten Anflug der zur Freilichtmalerei 
drängenden malerischen Problemstellung des Subjektivismus. 
In der Dichtung kam es zwar zu keinem entscheidenderen Fort— 
schritt des Dramas als der vollendetsten Form dichterischer Auf⸗ 
fassung der Menschenwelt; doch entwickelte sich der satirische 
Sinn zu individuellen Nuancen, und der Reichtum der Sprache 
an Eigenschaftswörtern wuchs beträchtlich. Allein einen ent— 
scheidenden Fortschritt bedeutete noch keiner dieser Vorgänge: 
anendlich viel blieb hier einer raschen, neuen Vorwärtsbewegung 
seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu tun und nach— 
zuholen. 
Ehe diese aber begann, traten doch, seit etwa 1720, die 
ersten Zeichen dafür auf, daß eine Anderung bevorstehe. Die erste 
Prophetin war, wie so oft in der Entwicklung der modernen 
Phantasietätigkeit, zumal dann, wenn es sich um Eroberungs⸗
	        
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