Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

22 Neunzehntes Buch. Erstes Kapitel. 
solchen Bestrebungen an manchen Höfen noch ein gut Stück 
bürgerlicher Vielwisserei und eine gewisse Art gelehrter Viel— 
geschäftigkeit mit unter, ein Zug, an den auch der Wiener 
Kaiserhof erinnert: hier waren z. B. Kaiser Ferdinand II. und 
die Erzherzöge Mitglieder italienischer Akademien, in denen 
Generale wie Montecuculi italienische Dichter erklärten. 
In der Natur der Sache aber lag es, daß diese fremde 
Bildung, die im Herzen Deutschlands doch immer mehr fran— 
zösisch wurde, nicht bloß auf die Höfe beschränkt blieb; den 
Höfen folgte vielmehr, wenn auch zunächst nur in geringer 
Zahl und in starkem Abstand, der Adel. Doch konnte schon 
Fischart von seinem südwestdeutschen Standpunkte aus von 
„unseren frantzösischen Hofleut“ reden; und seit dem letzten 
Viertel des 16. Jahrhunderts halfen die „frantzösischen“ 
Fürsten der langsamen Bewegung durch Ritterakademien nach, 
welche Beamte und Höflinge nach dem Muster des homme du 
monde zu bilden hatten. So stiftete Friedrich III. von der 
Pfalz 1575 die Akademie zu Selz, Friedrich von Württemberg 
1598 das Kollegium zu Mömpelgard, Moritz von Hessen 1599 
das Kollegium zu Marburg. Und diesen Bestrebungen kam 
auch die Mode der Kavalierstour vornehmlich nach Frankreich 
seit etwa Anfang des 17. Jahrhunderts zugute. 
Im ganzen entsprach gleichwohl alledem noch lange Zeit hin— 
durch kein allgemeiner Einfluß französischer Kultur. Noch immer 
blieb namentlich von der Rezeption ausgeschlossen, was nicht in 
genauerer Verbindung mit dem weltmännischen Lebensideale stand. 
So hat vor allem, wie schon bemerkt, der Aufschwung der 
französischen Wissenschaften in der zweiten Hälfte des 16. Jahr⸗ 
hunderts nur in den Niederlanden Eindruck gemacht, wenn auch 
Deutsche seit etwa 15060 zahlreicher in Paris studierten; und 
noch weniger kann man in dieser Zeit von einer Rezeption der 
bildenden Künste Frankreichs für irgend einen Teil deutschen 
Bodens reden. Viel wichtiger dagegen war für Deutschland 
die französische Musik, wenigstens soweit sie religiös-calvinischen 
Charakters war — doch wurden auch Gaillarden und verwandte
	        
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