Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

392 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel. 
und wie der ältere, wesentlich römische Humanismus des 
15. Jahrhunderts von dem aufsteigenden Emanzipations⸗ 
bedürfnisse des individualen Menschen für brauchbar befunden 
worden war, den Befreiungsbestrebungen bevormundend zu 
nützen, so waren es jetzt die jungen subjektivistischen Regungen, 
deren schwärmerischer Zug zu einer neuen Freiheit die Unter— 
stützung eines jüngsten Griechentums ersehnte. Wir kennen schon 
die Anfänge dieser neuen Vermählung von damals Modernstem 
und Antikem, die anakreontischen Spielereien, die, von Opitz im 
Sinne des Schäferspiels schon beginnend, doch erst im Gleimschen 
Freundeskreise sich recht auslebten, den Dithyrambenschritt 
Ramlerscher Oden, das Schülerbewußtsein selbst eines Lessing 
gegenüber Aristoteles. Aber wir werden erst später sehen, was 
diese Vermählung ganz bedeutete, in welcher die Antike der 
Nation nicht in mehr mittelbaren Beziehungen, wie im 15. 
und 16. Jahrhundert, näher und zu nahe trat, sondern weit 
mehr unmittelbar aus dem ganzen Schatze der Überlieferung, 
aus gelehrten Reisen und Aufenthalten in Italien und Hellas: 
aus ihr sind wichtige Seiten unseres literarisch-philosophischen 
Klassizismus hervorgegangen; ihr entsproß, ein pädagogischer 
Euphorion des 19. Jahrhunderts, das humanistische Gymnasium 
der zwanziger Jahre; ihre Nachwirkungen sind noch heute in 
jedem unserer physischen und seelischen Atemzüge, in jedem Stück 
unseres Hausrates, in jeder unserer Denksitten ersichtlich. 
In diesem Humanismus aber, so sehr er anfangs mit dem 
neuen Gemütsleben ging, steckt ein gutes Teil alten ratio— 
nalistischen Erbteils, ja hat sich in ihm immer mehr entfaltet. 
Dahin gehört die Auffassung des Bildungsideals nicht als 
eines Erziehungs-, sondern als eines Lehr- und Lernideals, 
dahin das Herabsehen auf die reale Welt gegenüber den ver— 
meintlichen Herrlichkeiten der gedachten, dahin vieles von dem, 
was man geistige Prüderie und linkisches Wesen des modernen 
Deutschen nennen kann. 
Aber neben Kirche und Antike als Übertragungsgefäßen 
individualistischen Seelenlebens hinein in die Zeiten des Sub— 
jektivismus steht eine Macht, welche, die eigentlich neue und
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.