Weitere musikalische und literarische übergänge. 395
nicht die Kraft zur Erzeugung eines eigentlich gesellschaftlichen
Bildungsideals gehabt: dem weltmännischen Ideal des Adels
und der Fürsten des 17. Jahrhunderts war es anheimgefallen.
Aber dann regten sich in ihm doch die Keime eigner Lebensauffassung
und besonderer Bildungsziele; und nun kamen die Zeiten des
populären, weitverbreiteten Pietismus und der frühesten Auf—
klärung herauf: sie schon wesentlich bürgerlich charakterisiert im
Sinne des genannten Patriziates. Es sind die Zeiten Speners
und Franckes, Brockes und Hagedorns, Gottscheds und Gellerts
gewesen; auch der kaiserliche Rat Goethe, des Dichters Vater,
gehörte ihnen an, ja kann sie in mancher Hinsicht als Typus
vergegenwärtigen. Was war in ihnen gewonnen? Eine neue
bürgerliche Kultur kleineren Horizontes, eine Kultur des Ver—
standes und Witzes, der Geziertheit, ja später des Geschraubten.
Wir wissen, wo sie heute noch fortlebt. Sie ist heute
hharakteristischer Lebensbestandteil des Philistertums, der zurück—
gebliebenen Bourgeoisie kleiner Städte, — womit nicht gesagt
sein soll, daß sie in großen, namentlich stagnierenden Städten
oöllig fehlte. Welche gewaltigen Schicksale des modernen
deutschen Bürgertums aber haben diese Wendung herbei—
geführt! Da mußte erst der mittlere Bürgerstand des
18. Jahrhunderts selbständig werden, nun Träger des ersten
neuen ganz entfalteten Subjektivismus, und die aristokratische
Übergangsbildung herabstürzen vom Sockel des geistigen Primates;
da mußte über beide Bildungen des 18. Jahrhunderts, die des
Patriziates wie des mittleren Bürgertums, wie sie in der ersten
Hälfte des 19. Jahrhunderts zur liberalen Bourgeoisie ver—
schmolzen waren, sich das neue Bürgertum der Gegenwart und
jüngsten Vergangenheit, das Großbürgertum der Unternehmung
und der zweiten Periode des Subjektivismus, erheben und die
unteren Kreise der alten Bourgeoisie zum Vegetieren in stillen
Wässern verdammen, ehe auf diesem wenig erfreulichen Boden
die letzten unvermischten Reste aufklärerisch-sozialen und auch
aufklärerisch-religiösen Denkens noch eine ärmliche Heimstatt
finden konnten.
Sehen wir indes nicht so sehr auf, den Denkinhalt wie