Neunzehntes Buch. Erstes Kapitel.
sischen Gesellschaftsideals selber. Beides trat seit der Mitte
des 17. Jahrhunderts ein.
Während Deutschland die furchtbare Zeit des Dreißig—
jährigen Krieges erlebte und nur die Niederlande und teilweise
die Nordseeküste noch bessere Tage sahen, ging Frankreich der
Zeit seiner vollsten Blüte entgegen. Vor allem wurde jetzt
Paris mehr als je geistiger Mittelpunkt des Landes, eine Folge
des Aufschwungs der zentralisierenden Monarchie seit Ausgang
der Religionskriege. Um 1629 wurde die Einwohnerschaft der
Stadt schon auf 800 000 Seelen geschätzt; Straße auf Straße
wuchs empor; im Innern der Stadt bewegten sich 12000
Karossen; und der Faubourg St. Germain am linken Seine—
ufer begann mit seinen aneinandergereihten Palästen schon das
besondere Viertel der Vornehmen zu werden. Es war die Zeit,
da Richelieu die Nation beherrschte und, indem er mit un—
ermüdlichem Geschäftseifer und allgegenwärtigem Spürsinn ein
harmonisches Ideal französischen Lebens formte, seine Landsleute
im großen wie im kleinen zum Fortschritte zwang. Damals be—
gann die Sprache als nationales Kunstwerk begriffen zu werden;
ihr Schärfungsprozeß zu jener Geschliffenheit begann, die bald
zu einem Wunder der Welt wurde. Damals stellte Balzac im An⸗
schluß an die Klassizität Ciceros die Erfordernisse des akademischen
Stiles fest, und das Drama wurde durch Corneille und Racine
zu innerer Einheit und ideenreicher Geschlossenheit ausgebildet.
So stieg die Literatur über die Nachahmung der Spanier empor,
bis Boileau die Gesetze ihrer klassischen Renaissance vollendet
aussprach. Und gleichzeitig entzog sich die bildende Kunst der
Nachfolge der Italiener. Levau und Frangois Mansard gaben
der Architektur Ruhe, Einfachheit, klare Motive, kühle Ver—
ständigkeit; Nicolas Poussin und Simon Vouet gewannen aus
der nüchternen Abstraktion der Gesetze der italienischen Malerei
eine Erkenntnis, von der her sie unter Anlehnung an die Antike
einen neuen Stil schufen. Auch auf dem Gebiete der bildenden
Künste begann damit eine neue Renaissance, die Renaissance
der Franzosen.