Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Neue Ideale weltmännischer und gelehrter Bildung. 38 
nehmlich in den adligen Kreisen ein Geschlecht aufgewachsen, 
das den Frieden nicht kannte und nicht wollte, das nur vom 
Außerordentlichen gefesselt ward, dem nichts galt als das Recht 
der Stärkeren. Gewaltsam und verlogen, verwildert und ego⸗ 
istisch, voller Laster und von brutalen Sitten, geistigen Intereffen 
nur äußerlich zugewandt, trat es in jenen Frieden ein, den die 
stilleren Häuflein frommer Seelen so lange herbeigebetet hatten. 
Was konnte ihm dieser Friede sein? Wahrlich nicht eine Zeit 
frischen Wettbewerbs und Fortschritts auf neuen Bahnen, 
sondern eine Zeit nur unbehaglicher Erinnerung an die kriege⸗ 
rische Freiheit von ehedem. Und so lebte man auf vielen 
adligen Schlössern und Burgen lange noch mehr der Vergangen⸗ 
heit als der Gegenwart, und die Sorge, den alten Stand zu 
„maintenieren“, die alte „Reputation“ zu halten, wurde zum 
Daseinszweck. 
Aber auch in gewissen bürgerlichen Kreisen, wie unter den 
besser denkenden Geschlechtern des Adels, zogen, wenn auch aus 
anderen Grunden, verwandte Gefühle ein. Eine Zeit groß⸗ 
artiger Erweiterung der deutschen Kulturinteressen, das 15. 
und 16. Jahrhundert, hatte man hinter sich. Eine Fülle von 
Einrichtungen, Anschauungen, Lebensregeln war geschaffen 
worden, die der Höhe dieser Kultur entsprachen. Jetzt empfand 
man wohl, daß man nicht imstande war, diesen Kreis zu 
erweitern. Aber festhalten wollte man seinen Umfang wenigstens 
mit der Zähigkeit aller Verfallszeiten. Und so gelangten auch 
die Wohlwollenden und Eifrigen vom Adel und von der 
Bürgerschaft zu der Auffassung, daß vor allem der „Point 
d'honneéur“ zu wahren sei, daß man seinen „Staat halten“ 
müsse. 
Daher das Zeremoniöse und Konventionelle dieser Zeit 
neben allem gewaltsam Ausbrechenden, der Philister⸗ und 
Pedantenton bei allem Abenteurersinn, das Titelwesen und die 
Etikette bei aller Brutalität. Und daher, das charakteristischste 
Zeichen vielleicht des ganzen Zustandes, die kleinliche Scheidung 
der Stände. Hatte die bürgerliche Entwicklung im späteren 
Mittelalter und noch in den ersten Zeiten des 10 Jahrhunderts 
Lamprecht, Deutsche Geichichte vn 1. 2
	        
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