Neue Ideale weltmännischer und gelehrter Bildung. 37
schärfer eindringenden französischen Einflusses verhängnisvoller
hervorgetreten als anfangs geahnt werden konnte.
II.
Betrachtet man das Wesen des niederen Adels um das
Jahr 1650, so findet man doch noch viele Züge, die an das
16. Jahrhundert erinnern. Noch immer vor allem ist dieser
Adel kriegerisch, wie er denn während der Kämpfe der dreißig
Jahre in befehlenden wie untergeordneten Stellungen seine
Haut tapfer zu Markte getragen hatte. Freilich: die prächtige
Gesinnung und die naive Freude am Kampfe, die das 16. Jahr⸗
hundert gekennzeichnet hatten, bestanden in dieser Stärke nicht
mehr. Man hatte viel mehr als früher gelernt und lernte immer
noch entschiedener, Kriegslust und Kriegstüchtigkeit gegen vollen
Beutel in alle Welt hinaustragen, im Kampf der Venezianer gegen
die Türken, in den Kriegen der niederländischen Republik gegen
Malayen und Inder; Pufendorf redet einmal von einer
per totam fere Europam venalem sanguinem circumferens.
Dennoch waren selbst hierin alte Wallungen adligen Blutes,
wenn auch in traurigem Abweichen von früheren Lebenszielen,
nicht zu verkennen. Und dem entsprach noch vielfach das Dasein
daheim. Noch hielt man es mit den quantitativen Luxus—
formen mittelalterlicher Naturalwirtschaft: unflätiges Essen,
Vollsaufen, wenig feine gesellschaftliche Formen, robuster Genuß
der Liebe. Das alles bei dürftigem Auskommen; Jagdbeute
erscheint da wohl als „der Armut bestes Kleinod“. So leben
ʒ. B. die märkischen Junker; noch finden sich unter ihnen Leute,
deren Väter das Handwerk der Buschklepper und Strauchdiebe
getrieben hatten, und sie selbst reiten wohl gelegentlich auch noch
bedrohlich aus, saufen sich in den Städten voll, fluchen auf das
Bürgerpack und schießen in der Nacht, daß die Einwohner für
die Strohdächer fürchten.
Und auch in den Kreisen der Fürsten finden sich um 1650
und einige Jahrzehnte später noch Spuren des alten Lebens
der Reformationszeit. Es gibt unter ihnen noch viele, die auf