Neue Ideale weltmännischer und gelehrter Bildung. 43
so ist zu bedenken, daß die Empfindung dieser sittlichen Fäulnis
noch nicht weit verbreitet war, da sie nur im Zeitalter der
Auflösung alter, des Werdens neuer, kurz der Umbildung sitt⸗
licher Begriffe menschliche Gemeinschaften ganz zu ergreifen
pflegt: man lebte bei aller Künstelei noch naiv dahin und in⸗
sofern bedeutend.
Von allen diesen zunächst französischen Stimmungen war
auch in Deutschland viel vorhanden. Denn so gewiß man
französische Lebensformen aufnahm, so geschah es doch auf
Grund einer verwandten sozialen Entwicklung; aus eigenster
Wurzel her drängten die Schicksale der Nation zur absoluten
Monarchie und ihren Folgeerscheinungen; und so entbehrte die
Rezeption nicht jener inneren Motive, die sie erst vollends
klären.
Freilich: deshalb blieb die neue Kultur immer rezipiert
und darum wenigstens zum Teil künstlich. Und wie wollten
diese kleinen Potentaten, diese Höfchen und nochmals Deminutive
von Höfchen es der Kultur einer großen Nation und eines
großen Königs gleichtun? Zu dem an sich Gravitätischen schon
der französischen Kultur kam in Deutschland das Gemachte,
und der verhängnisvolle Schritt vom Erhaben- sein- wollenden
zum Lächerlichen ward oft genug getan. Zudem eignete sich
der deutsche Volksgeist nur wenig zur Herübernahme der fran⸗
zösischen Würde wie der französischen Grazie, geschweige denn
der Gauloiserie: plump, täppisch, barbarisch erscheinen auch uns
die nachgeahmten Feinheiten der Franzosen.
So war denn das Ergebnis schließlich wenig befriedigend.
Beruhte der gesellschaftliche Untergrund der ganzen Bewegung
auf einem schweren Verfall der eingeborenen wirtschaftlichen
und sozialen Entwicklung der Nation, und war diese an sich
schon ein Unglück, so wurde das Ganze durch einen wiederum
an sich schon künstlichen, zudem aber durch eine unzulängliche
Rezeption nochmals verkümstelten Oberbau geistiger Kultur wenig
gehoben. Wohin wir daher blicken, fast überall gewahren wir
am Ende Widerwärtiges, das uns abstößt.