Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Neunzehntes Buch. Zweites Kapitel. 
Zunächst war klar, daß die neue Bildung einen gesell⸗ 
schaftlich durchaus fremden Charakter trug. Ihr Inbegriff ist am 
Ende die Kunst des Auftretens; die ihr Angehbrigen sind 
Dekorationsstücke fürstlicher Hofhaltungen, im besseren Falle 
Glieder einer in ihren oberen Teilen repräsentativ gestalteten 
Staatsverwaltung. Und so unterliegen sie dem fortwährenden 
Anlaß zu äußerlicher Selbstaufsicht; in ihr gehen sie gutenteils 
auf: die Porträts dieser Zeit sind durchweg Repräsentations— 
stücke und haben keine Spur von dem unbewußten Leben der 
Bildnisse der Reformationszeit oder gar der großen Jahre der 
Niederländer. 
Es war ein Leben, das der Regel nach zu Schmeichelei 
und Servilismus nach oben, zu Standeshochmut und Brutalität 
nach unten erzog: die äußeren Prätensionen standen zum Gefühl 
der inneren Leere gerade bei besseren Naturen in direktem Ver— 
hältnis. Und diese furchtbare Kombination kam zu um so 
vollerem Ausdruck, als sie durch die konventionellen Formen der 
neuen Bildung nicht in dem wünschenswerten Maße verdeckt 
ward. Wie glücklich waren doch demgegenüber die Angehörigen 
der ritterlichen Kultur der Stauferzeit gewesen! Gewiß hatten 
ihnen aus verwandten, wenn auch längst nicht gleich stark 
wirkenden Gründen ähnliche Gefahren gedroht, wie den Höf— 
lingen des 17. und teilweis des 18. Jahrhunderts. Allein in 
einem Zeitalter gebundener Persönlichkeit daran gewöhnt, sich 
den allgemeinen Formen des Lebens und der Gesellschaft unter— 
zuordnen, waren sie nicht entfernt so leicht der Versuchung 
anterlegen, die gesellschaftliche Tünche durch persönlichen Aus— 
druck ihrer seelischen Stimmung zu ersetzen. Es ist, wenn ein 
Vergleich zur genaueren Erklärung der eigenartigen Erscheinung 
erlaubt ist, etwas Ahnliches wie der Unterschied des katholischen 
Priesters, der objektiv in den festen Formen der Messe der 
Verkündigung der christlichen Heilstatsachen gerecht wird, und 
des protestantischen Predigers, der subjektiv in den persönlichen 
Wendungen der geistlichen Rede diese Verkündigung zu voll— 
ziehen hat. Diese Hofleute des 17. Jahrhunderts waren schon 
Personen individuellen Denkens; die konventionelle Form deckte
	        
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