Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

30 
Neunzehntes Buch. Zweites Kapitel. 
Zeit einen steigend aristokratischen Charakter aufdrückte und, 
bei dem bestehenden Zusammenhange zwischen Hofkultur und 
Adelskultur, zum Wachstum des französischen Einflusses ständig 
beitragen mußte: an Stelle der alten deutsch-bürgerlichen trat 
eine französisch-deutsch-adlige Bildung. 
Aber damit nicht genug. Der Wechsel bedeutete zugleich 
eine Umformung des Begriffes und Umfanges der deutschen 
Bildung von heute noch fortwirkender Dauer. Die ältere 
deutsch-bürgerliche Bildung hatte keinen ausschließlichen Berufs— 
charakter getragen; selbst auf humanistischem Boden hatten 
neben den Berufsgelehrten deutsche Bürger, ein Peutinger, ein 
Pirckheimer, geglänzt und geschaffen. Der Charakter der Bildung 
war ähnlich gewesen wie etwa der der heutigen englischen 
Kultur: im ganzen gleichmäßig von Berufs wie von nicht Be— 
rufs wegen hatte man sich am Genusse wie an der Erzeugung 
geistiger Güter beteiligt. 
Aber nun war dies alte Bürgertum im Laufe des 
— 
hunderts vielfach fast zugrunde gegangen; und dennoch galt 
es, den Stand der Bildung zu erhalten und wo möglich zu 
mehren. Es war eine Aufgabe, die jetzt viel ausschließlicher 
den gelehrten Berufen zufiel und, indem diese dem Adel an— 
geschlossen wurden, fast durchaus aristokratischen Charakter er— 
hielt. Das bedeutete nun sehr bald eine Ausschließlichkeit der 
Bildung, wie sie weder Niederländer noch Franzosen noch gar 
Engländer jemals gekannt haben: nur der höher Stehende, 
wo möglich mit einem Berufe ausgestattete gelehrt Erzogene er— 
schien als gebildet; an einen verhältnismäßig geringen Ve— 
ttandteil der Nation von engen Lebensinteressen ging ein immer 
enger umschriebenes Bildungsideal über. Es ist einer der 
Gründe dafür, daß man in der ersten Hälfte des 18. Jahr— 
hunderts die Literatur als schöne Wissenschaften bezeichnen 
konnte, daß ein Literatenstand voraussetzungsloser Herkunft bei 
uns erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hat an— 
fangen können zu gedeihen, daß sich die Presse nur mühsam
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.