Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Neue Ideale weltmännischer und gelehrter Bildung. 53 
jedermann den Sinn dieses Geschreibsels einsah: „der Fuchs— 
schwanz gucket doch herfür.“ Am bezeichnendsten endlich war 
die egoistische, meist sehr plump aufs unmittelbar Sinnliche 
gerichtete, in sich unwahre Galanterie gegenüber dem weib— 
lichen Geschlecht. Die Wirkung schildert Christian Weise: 
„Wenn die Weibsbilder ihr vierzehntes Jahr erreichen, so 
werden sie allerwärts demütig bedient und schöne Gebieterin 
genannt. Darum, weil sie hierdurch auf den Gedanken ge— 
bracht werden, gleich als wären sie nur der Liebeshändel 
wegen geboren, so fangen sie an, stutzen sich und meinen, ihr 
ganzer Zierat bestehe in dem, daß sie den Mann an sich locken 
können. So machen wir die gebrechlichen Werkzeuge, die Per⸗ 
sonen deterioris sexus zu großen Göttinnen, als wenn wir 
ihnen die Herrschaft gleichsam durch unsere Huldigung bestätigen 
wollten.“ 
Man sieht an diesen Worten: gegenüber dem Ideal einer 
dem deutschen Charakter fremden Form der Galanterie fehlte 
es nicht an Widerspruch. Viel energischer äußert ihn Tho— 
masius: „Wie zertrampelt man sich vor dem Fenster, ob 
man die Ehre haben könne, die Jungfrau oder an deren Statt 
die Magd oder die Katze zu grüßen! Wie viel verliebte 
Briefe, die man aus zehn Romanen zusammengesucht hat, und 
die mit viel flammenden und mit Pfeilen durchschossenen 
Herzen bemalet sind, werden da abgeschicket, gleich als ob 
man des guten Kindes Affektion damit bombardieren wollte!“ 
Auch sonst fehlte es nicht an Reaktion gegen das neue 
Lebensideal; aber da sie im Grunde nur aus den Kreisen der 
Beteiligten hervorging, so blieb sie schließlich erfolglos, ja 
verlief vielfach in den Denk- und Gefühlsformen der neuen 
Bildung selbst. Nichts ist in dieser Hinsicht bezeichnender, 
als der gesuchte schäferliche Naturalismus, jener bekannte Ver⸗ 
such, sich von ungesunder Unnatur auf dem ungesunderen 
Wege ländlich-schäferlicher Allegorien zu befreien. Schon in 
der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts begann das galante 
Schäfertum alles zu durchdringen: bereits Spee hat in langen 
Bedichten, für unseren Geschmack fast blasphemisch, Christus
	        
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