Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Weitere Entwicklung des Intellektnalismus. J 61 
Nicht ganz so günstig stand es auf dem Gebiete der 
Geisteswissenschaften. Hier war an rationeller und intensiver 
Arbeit noch verhältnismäßig wenig geleistet worden, und 
darum erschöpfte sich alles im extensiven Heranschleppen eines 
wüsten und im Grunde nur äußerlich geordneten Stoffes. Der 
Sammeleifer, ja die Sammelwut war auf diesen Gebieten 
allgemein; man gab die Geschichtschreiber der deutschen Vor— 
zeit wie die klassischen Autoren fast Dutzende von Malen in 
mehr oder minder umfassenden Sammlungen heraus; man 
brachte Bücher, Briefe, Münzen, Antiquitäten, Gemälde und 
Statuen zusammen, und nur wenn man bescheiden war, be— 
gnügte man sich wohl auch mit einzelnen sogenannten raren 
Stücken, wie etwa des seligen Herrn Dr. Martin Luthers 
Originalbrillenfutter. Und dem zumeist unkritischen Sammel⸗ 
eifer entsprach eine unbehilfliche, im Grunde immer nur in rein 
beschreibenden Kategorien der Darstellung aufgehende Poly— 
historie, eine der Plagen geradezu des Zeitalters. So kam es 
auf dem Gebiete der Geisteswissenschaften bald dahin, daß 
Vielwissen und Gelehrtsein als identisch galt; und erst das 
folgende Zeitalter des Subjektivismus ist deutlicher und folgen— 
reicher zu den wirklichen Problemen geisteswissenschaftlicher Er— 
kenntnis vorgedrungen. 
Auf naturwissenschaftlichem Gebiete dagegen vollzog man 
klar und immer klarer den entscheidenden Schritt aus der An— 
häufung der Erfahrung zu ihrer begrifflichen Beherrschung. 
Und auf diesem Wege gelangte man bald zu den Anfängen einer 
unverbrüchlichen und unabänderlichen Okonomie und Autonomie 
des Denkens. 
Von Bedeutung war es in dieser Hinsicht, daß man im 
16. Jahrhundert einen vollen Rausch naturphilosophischer Be— 
trachtung erlebt hatte!. Es ist der Anfang aller intensiveren 
Naturbetrachtung überhaupt. Denn das menschliche Denken ist 
nicht so geartet, daß es sich der Erkenntnis der Dinge zunächst 
aus dem Einzelnen her näherte. Vielmehr werden die komplexen 
1 S. Bd. VI, S. 1IGS ff.
	        
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