32 Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Erscheinungen anfangs von der Oberfläche her im ganzen erfaßt
und ein besonders augenscheinlicher Faktor des Gesamtinhalts
oder auch eine Gruppe solcher für den Charakter und das Wesen
des Ganzen als maßgebend betrachtet und gleichsam ver—
antwortlich gemacht. In diesem Sinne hat alle Metaphysik
philosophiert, von den Eleaten bis auf Hegel und Hartmann.
Allein dieses Denken ist nicht in der Konstruktion der see—
lischen Fähigkeiten des Menschen unabänderlich gegeben. Es
ist vielnehr nur der Ausdruck des Unvermögens gewisser
Zeiten ungeheurer Stofferweiterung, auf eine intensivere, schon
das Detail betrachtende und vom Detail her das Ganze auf⸗
lösende Betrachtung so viel Muße und geistige Kraft zu ver—
wenden, als hierzu nötig ist — oder aber der Ausdruck des
Wunsches, in Zeiten, in denen dieser intensiv arbeitende Auf—
tröselungsprozeß aus dem Detail schon begonnen hat, aber noch
nicht vollendet ist, gleichwohl aus dem gefundenen Einzelnen
her in Richtlinien, die über die Erfahrung hinausgehen, bereits
das Ganze zu konstruieren. In beiden Fällen handelt es sich
um allgemeine, mehr oder minder passende, mehr oder minder
geniale Hypothesen, denen die Erfahrung als ein anderes
Produkt menschlichen Denkens und Forschens entgegentritt.
Dabei ist der ungeheure Wert solcher Hypothesen für die
Förderung auch der Erfahrung in keiner Weise zu verkennen:
Hypothesen und also auch Metaphysiken sind jedem fort—
schreitenden Empirismus unentbehrlich und entsprechen der einen
Seite untersuchenden Verfahrens auch gegenüber jeder Kleinig—
keit, das immer aus induktiven und deduktiven Elementen ge—
mischt ist. Gleichwohl bedeutete es einen wesentlichen Fort—
schritt der Erkenntnis, als neben den Versuch, dem Charakter
der Außewelt als einem Ganzen vornehmlich, ja fast allein
durch Hypothesen gerecht zu werden, der Versuch trat, sich des
Einzelnen dieser Erscheinungswelt zunächst auf naturwissen—
schaftlichem Wege rein empirisch zu bemächtigen.
Zu diesem Versuche war die Welt reif, als sich seit dem
15. und 16. Jahrhundert die Möglichkeit gelehrter Berufs—
stände und somit die für die Lösung notwendige Summe