Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 65 
Indem sich aber diese Wendung ergab, und indem sich zu— 
zgleich das natürliche Denken auf dem Gebiete der praktischen 
Geisteswissenschaften, wie es schon im 16. Jahrhundert stark 
und stärker eingesetzt hatte, immer weiter verbreitete und für 
das Recht und den Staat, für die Sitte und die Religion 
Anschauungen zu schaffen bestrebt war, die der Zeit als 
Korrelat zur mechanistischen Auffassung der Natur erschienen!, 
je verbreiteter mithin die Denkweise eines ganz neuen natür— 
lichen Systems wurde und je mehr sich auf seiner intellektua— 
listischen Grundlage die einzelnen Disziplinen der Wissenschaft, 
von verwandtem Geiste erfüllt, dem abgerundeten Ganzen einer 
rationalen Universalwissenschaft zu nähern schienen: um so 
mehr mußte der Gedanke nahetreten, auf diesen Errungenschaften 
and dem Boden ihrer konvergierenden Entwicklung eine all— 
gemeine Weltanschauung aufzubauen. 
Es ist die geistige Grundlage der großen metaphysischen 
Systeme des 17. und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. 
Man sieht: sie brauchten nach Lage der Dinge noch nicht vom 
Christentum abzugehen, wenn es nur rationalisiert und der 
Wunder möglichst entkleidet wurde. Und in der Tat: wie noch 
die ganze niederländische Literatur des 17. Jahrhunderts, die 
fortgeschrittenste auf deutschem Boden, von kindlich-frommem 
christlichem Sinne beherrscht war, und wie ein Althus, Grotius, 
Kepler an den Hauptdogmen des Christentums festhielten, so 
haben sich auch Descartes und Leibniz nicht antichristlich ver— 
halten, wenn sie auch ihre tiefsten religiösen Geheimnisse in 
stiller Brust bewahrten. Daß aber der neuen Philosophie ob⸗ 
jektiv gleichwohl eine gegen den Offenbarungsglauben gerichtete 
Tendenz innewohnte, läßt sich nicht leugnen. Zwar hielt man 
durchaus an der Bearbeitung des großen, von der Reformation 
für das Christentum aufgestellten Gegensatzes, Gott und Indi— 
viduum, fest: Individualität und Gottesbewußtsein irgendwie, 
sei es mystisch, sei es rational, zu verknüpfen, blieb eines der 
wesentlichsten Bedürfnisse. Aber war denn diese Formulierung 
S. zum Teil schon Bd. VI, S. 146 ff. 
Lamprecht. Deutsche Geschichte. VII. 1.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.