Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

86 Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel. 
so durchaus nur christlich-reformatorisch? War sie nicht viel— 
mehr tiefstes Moment des Zeitbewußtseins überhaupt, das unter 
anderm auch die neuen Formen des Christentums mit bestimmt 
hatte? Und wenn diese neue Weltanschauung im Grunde den 
Offenbarungscharakter des Christentums leugnen mußte, da sie 
hei konsequentem Denken das Wunder schlechthin zu verwerfen 
gezwungen war: hob sie damit nicht eigentlich dennoch das 
Thristentum auf, mindestens in dem Sinne, in dem es bisher 
berstanden worden war und noch von den meisten verstanden 
wurde? Unvereinbar waren schließlich geschichtlich gegebenes 
Christentum und neue Weltanschauung: wenn auch nicht in 
unmittelbar scharfer Betonung, so doch dem Kerne nach traten 
jetzt zum ersten Male zwiespältige Weltanschauungen die Herr— 
schaft über die Geister der Nation an; neben das Christentum 
stellte sich eine unchristliche Philosophie, und nur das gemein— 
same Ausgehen von den Polen des Individuellen und des 
Absoluten war es, das sie annoch vereinte. 
Dabei war aber die neue Weltanschauung im Grunde weit 
mehr von der Naturwissenschaft getragen als von den Geistes⸗ 
wissenschaften. Gewiß entnahm sie der Forschung der histo— 
rischen Wissenschaften manchen Inhalt antiken Denkens, und 
gewiß hatte sie auch Fühlung mit dem Naturrecht, der Natur— 
religion und der Wissenschaft natürlicher Sitte. Indem diese 
Wissenschaften indes sich auf die menschliche Vernunft als etwas 
Natürliches bezogen und eben in der Natur selbst zu wurzeln 
vorgaben, wenn sie sie auch auf rein intellektualistische Momente 
reduzierten, verwiesen sie ihrerseits wiederum auf das Erkennen 
der Natur als auch ihre Grundlage. Wie also hätte man bei 
dieser Entwicklung einer allgemeinen Weltanschauung ein ge— 
naueres Eingehen auf sie anders als einen Umweg betrachten 
sollen? Weit mehr als Grundlage der Geisteswissenschaften 
daher denn als ihre Folge erschien der Zeit das philosophische 
Denken. 
Indem aber die neue Weltanschauung so durchaus auf 
rationalen, vornehmlich naturwissenschaftlichen Grundlagen er— 
haut wurde, entsprach sie in jeder Hinsicht dem intellektualistischen
	        
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