Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 69
über sie gleitenden, in regelmäßigen Zwischenräumen mit Kugeln
versehenen Schnur ab. Außerdem aber beschrieb Stevin auch
schon den Satz vom Parallelogramm der Kräfte in seinen ein⸗
fachsten Anwendungsformen und stellte einige Gesetze der Hydro⸗
statik mit genügender Genauigkeit auf. Gleichwohl: was wollten
diese Arbeiten besagen gegenüber denen Galileis! Nach den
„Dialoghi intorno ai due massimi sistemi del mondo“, die
1682, ein Jahr vor dem Tode Stevins, erschienen, brachten die
„Discorsi“ des Jahres 16388 die Aufstellung der wichtigsten
dynamischen Grundlagen aller Mechanik.
Galilei war beim Falle von Körpern von induktiven Be—
obachtungen allgemeiner Art ausgegangen, die ihm, wie schon
Lionardo, die Vorstellung einer gleichförmig beschleunigten Be—
wegung dieser Körper erweckten. Aber er beruhigte sich bei dieser
ungefähren Vorstellung nicht. Er wünschte die Art dieser Bewegung
genauer beschreiben zu können. Und zu diesem Zwecke ging er
deduktiv von physikalisch-mathematischen Spekulationen aus vor.
Er glaubte in der Geschwindigkeit das Anzeichen einer Kraft
sehen zu dürfen, und so betrachtete er die Geschwindigkeits-
momente in der Fallbewegung als elementare AÄußerungen dieser
Kraft. Die Zeit aber während des Verlaufs der Bewegung
erschien ihm in ihrer Gleichmäßigkeit als diejenige Form der
Hinzufügung von Element zu Element, in der die einfachsten
Teilbetätigungen einer Kraft vor sich gehen müßten. Auf diese
Weise gelangte er zu einer Vorstellung, nach der die Wirkung
der Kraft in der Zeit durch die aufeinanderfolgende, den Zeit⸗
teilen proportionale Hervorbringung von Geschwindigkeiten ver⸗
gegenwärtigt wird!. Diese Vorstellung, in mathematische Form
übersetzt, ergab dann das Gesetz, daß die Fallräume wie die
Quadrate der Zeiten wachsen.
Mit dem Fallgesetz war das Grundelement für die weitere
Entwicklung der Dynamik gewonnen: vorausgesetzt, daß die Er—
wägungen Galileis den natürlichen Vorgängen wirklich gerecht
wurden. Das ließ sich natürlich nur induktiv durch Experimente
1 Dühring, Mechanik, S. 36.