Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 75
der irgendeiner anderen Disziplin tiefe Einblicke in den all—
gemeinen Fortschritt des Denkens während der Zeit vom 16.
bis zum 18. Jahrhundert gestattet. Das fundamentale Problem,
—
das des gegenseitigen Verhältnisses zwischen Deduktion und In—
duktion . Während das wissenschaftliche Denken des Mittelalters
zanz überwiegend deduktiv gewesen war, indem es von den christ⸗
lichen Offenbarungstatsachen als einem unverbrüchlich gegebenen
System der Metaphysik ausging und in der Richtung auf die
Induktion, entsprechend seinem geringen Erfahrungshorizonte,
fast nur den Analogieschluß kannte und im weitesten Sinne
anwandte, hatte das 15. Jahrhundert, dieses Jahrhundert ge⸗
waltigster Wende der Zeiten, bereits die leisere Fortbildung
zum solideren Induktionsschluß gebracht. Und im 16. Jahr⸗
hundert war dann das induktive Element in der ganzen Be—
deutung, die es für die moderne Erfahrungswissenschaft besitzt,
erkannt, ja gelegentlich recht enthusiastisch überschätzt worden.
Demgegenüber ist nun die eigentlich geschichtliche Frage die,
wie weit denn dieses neue Element in der wissenschaftlichen
Praxis zur Anwendung gelangte? Und diese Frage läßt sich
kaum auf irgendeinem Gebiete besser beantworten, als auf dem
der Geschichte der Astronomie.
Während des Mittelalters hatte die Astronomie irgend⸗
welche größere Fortschritte nicht gemacht; dagegen war sie gegen
Schluß dieses Zeitraums in der Form der Astrologie immer
mehr in die phantastische Weltanschauung des Pandynamismus,
dieser systematischen und letzten Durchbildung des selbständigen
nittelalterlichen Denkens? hineingezogen worden.
Um so mehr muß es auf den ersten Blick überraschen,
noch im vollen Verlaufe der Periode des Pandynamismus auf
astronomischem Gebiete der gewaltigsten, scheinbar nur ein⸗
gehendster Induktion möglichen Umwälzung zu begegnen: der
Aufstellung des koppernikanischen Weltsystems (1548), der Ab⸗
S. Bd. VI, S. 80 ff.
2 S. Bd. VI, S. 1265 ff.