Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

366 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
dem Fürstentum Neuchatel mit der Grafschaft Valengis in der 
Schweiz und dem Fürstentum Orange an der Rhone, nördlich 
von Avignon. Auf diese Erbschaft hatten sich nun die Hohen— 
zollern von jeher Hoffnung gemacht und nach dem Verhalten der 
Oranier auch Grund gehabt dies zu tun. Jetzt aber, nach dem 
Tode König Wilhelms, zeigte sich, daß dieser zu ihren Erben 
bielmehr den Prinzen Johann Wilhelm Friso von Nassau-Diez 
eingesetzt hatte, und die Generalstaaten, die als Testaments— 
vollstrecker bestimmt waren, erschienen mit dieser Lösung sehr 
zufrieden. Sollte nun Preußen unter diesen Umständen der 
Großen Allianz, deren auswärtige Interessenten eben die 
Niederlande und England waren, besonders entgegenkommen? 
Die militärische Besetzung der Grafschaften Mörs und Lingen 
durch preußische Truppen im Jahre 1702 ließ eher den Schluß 
auf das Gegenteil zu. 
Aber ganz von der Haltung Preußens, des freilich nun schon 
wichtigsten nordostdeutschen Staates abgesehen: konnte der Nord⸗ 
osten viel für die Austragung der spanischen Erbfolgefrage in 
Betracht kommen? Eben im Verlaufe des spanischen Sukzessions⸗ 
krieges sah er sich in die Wirren eines großen nordischen 
Krieges, von denen später erzählt werden wird!, verwickelt. 
Freilich bezeichnet es, gegenüber den Ereignissen der zweiten 
Hälfte des 17. Jahrhunderts, einen wichtigen Umschwung der 
allgemeinen Lage, daß dieser Krieg nicht wieder, wie einst 
oerwandte Vorgänge des 17. Jahrhunderts, mit den französischen 
Angriffen in ein System gemeinsamen Druckes auf das deutsche 
rReich und dessen Staaten verschmolz, wie auch der Unterschied 
der Stellungnahme des Großen Kurfürsten und König Friedrichs J. 
von Preußen zu den westlichen Angelegenheiten charakteristisch 
ist: schon begann der deutsche Nordosten mehr, als bisher, 
eigenen Weges zu gehen; und leise erste Differenzen zwischen 
dem deutschen Staatensystem des Südens und Westens als 
des Trägers mehr kaiserlicher Einflüsse und des Ostens als 
des eigentlichen Gebietes künftiger preußischer Vorherrschaft 
entwickelten sich. 
1 S. Abschnitt 111 Kap. 3.
	        
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