100 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
Freilich ist dabei der Charakter schon des Raumes keines⸗
wegs gleichgültig. Gewiß: primitive Formen menschlichen Zu—
sammenlebens erscheinen in den wesentlichsten Richtungen ihrer
Auswirkung kaum an bestimmte Räume, ja selbst nur wenig
an bestimmte Klimate gebunden; sie sind transportabel; und
sie dauern an, so lange das Zeitalter primitiver Wanderungen
einer gegebenen menschlichen Gemeinschaft fortwährt. So
läßt sich z. B. von dem germanischen Staate der Urzeit be⸗
haupten, daß er noch viel von diesem Charakter gezeigt habe:
weshalb er denn mit Dutzenden von Verfassungen von Volkern
in ähnlicher Daseinslage selbst bis in Einzelnheiten hinein ver—
gleichbar ist. Da aber, wo ein Volk völlig seßhaft geworden
st, ja wo es auch nur seine Sohlen träger hebt von dem einmal
eingenommenen Boden, da beginnt dieser auch seine Macht zu
iiben. Welch ein Unterschied ergibt sich da vor allem zwischen den
sttaatlichen Lebensbedingungen, die weite und die begrenzte Räume
darbieten! Mag man sie aus dem Gegensatze zwischen der
heutigen europäischen Staatenwelt und den emporblühenden
Großstaaten des nördlichen Amerikas, Kanada und der Union,
entwickeln oder aus den Kontrasten der hellenischen Welt des
Mittelmeeres und den frühen Reichen des Niltals und Meso—
potamiens: immer ergibt sich der gleiche Eindruck: Großräumig—
keit im Sinne gleichmäßig and auernder Verbreiterung derselben
Raumformen, der Ebene, der Steppe, der Prärie, geht mit
räumlich umfangreichen Staatsgebilden zusammen; und einer
Mannigfaltigkeit minder ausgedehnter Raumformen pflegt ein
Nebeneinander räumlich begrenzter Kleinstaaten zu entsprechen.
Handelt es sich indes bei Betrachtungen über die Be—
deutung des Raumes, wie sie noch lange fortgesetzt werden
fkönnten, nur um Bedingungen des geschichtlichen Geschehens,
so führt jede Beobachtung zeitlicher Momente alsbald in dieses
selber ein. Denn die Zeit, der einseitige, niemals wieder in
sich zurückkehrende Verlauf, ist recht eigentlich das Merkmal
der Geschichte.
Im Ablaufe der Zeitmomente ist für die Geschichte jeder
menschlichen Gemeinschaft das zunächst Charakteristische die