Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

402 Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
der Kultur anderer noch lebender Völker und Renaissancen 
der Kultur vergangener Nationen bekannt find. Auch sie be— 
dingen und schaffen die seelische Haltung der Staatskunst einer 
bestimmten Zeit wie den Charakter des Staatskörpers, dessen 
äußere Geschichte diese Staatskunst zu lenken oder wenigstens 
zu beeinflussen sucht. — 
Die schriftliche Uberlieferung und damit die Möglichkeit 
einer eingehenden Kenntnisnahme des Geschehenen reicht für 
die deutsche Geschichte besonders weit zurück: welche Nation 
wenigstens unter den europäischen hochentwickelten Völkern 
könnte sich eines Berichtes über ihre Frühzeit rühmen, wie ihn 
die Deutschen in der Germania des Tacitus besitzen? Dennoch 
läßt auch der Inhalt der Germania dahrtausende vor ihrer 
Entstehung liegender Geschichte nur erahnden; weit entfernt 
ist fie davon, an die Herzkammern des nationalen Werdens 
selbst zu führen. So viel aber geht aus ihren Mitteilungen 
doch hervor, wenn man diese mit dem Inhalte der Überliefe⸗ 
rung anderer, innerlich verwandter Kulturen vergleicht, daß 
die Germanen schon weit vor aller geschriebenen Geschichte ge— 
waltige Katastrophen ihrer inneren Entwicklung erlebt haben 
müssen. In Zeiten, da der wesentliche Verband des Volkes 
noch das Geschlecht war mit einem patriarchalischen Fuhrer an 
der Spitze, ist die Gewalt dieses Führers allenthalben dadurch 
beschränkt worden, daß man die innerlichsten Herrschaftsrechte, 
die er aus dem Zusammenhange mit einem Ahnenkultus her 
gehabt haben muß, vermutlich mit allen wesentlichen Momenten 
dieses Kultes selbst beseitigte: so früh schon müssen sich die 
Germanen als denkende Zweifler, als Grübler an transzendent 
geglaubten Grundlagen ihrer Entwicklung erwiesen haben. 
Und auch die Macht besonderer Priester, die wenigstens zum 
Teil Stücke der alten Sakralgewalt des patriarchalischen Führers 
übernommen haben mögen, ist schon so gut wie beseitigt zu 
der Zeit, da die Germanen in ein helleres Licht der Geschichte 
treten. 
Die Folgen dieser Vorgänge für die prähistorische ger— 
manische Welt sind leicht zu erraten. Je mehr die Gewalt
	        
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