Man hat oft gesagt, die Kunst sei nichts anderes,
als der mehr oder weniger verunstaltete, aber immer getreue
Spiegel der Gesellschaft. Heute zeigt er uns die
schlaffe Mutlosigkeit der sterbenden Bourgeoisie, die
Sorgen und Qualen, aber auch die Hoffnungen des im
Leid lebenden, im Leid erstarkenden Proletariats. Morgen
wird er die ruhige Heiterkeit glücklicher Geschlechter
widerstrahlen, die dem Sumpf des Elends entronnen sind
und durch die Kraft ihres Fleisses, ihres mutigen Mühens
die souveräne Herrschaft der Arbeit und das Reich der
Solidarität begründet haben.
* * *
Victor Hugo zeigt uns in einem seiner herrlichsten
Gedichte den bocksfüssigen Waldgott auf des Olympos
Höhe, wie er struppig und schwarz in der stolzen Versammlung
der Götter auftaucht. Man höhnt ihn mit sarkastischen
Worten. Er antwortet mit einem herausfordernden
Lied. Mercur giebt ihm seine Flöte. Bezwungen reicht
ihm Apollo seine Leier. Der revolutionäre Gesang schallt
mit wachsender Gewalt bis ans Gewölbe der Himmelsfeste,
und auch der Sänger wächst, während er singt,
bis sein dunkeier Schatten den unendlichen Raum erfüllt.
Die ganze Welt steht auf und stürzt Jupiters Thron.
. . Ist der Socialismus nicht der Satyr dieses Gedichtes
? Wie jener anfangs struppig und schmutzig, beim
ersten Auftauchen verachtet, im Wachsen gefürchtet. Doch
er wächst noch höher, greift nach der Flöte Mercurs, nach
Apollos Leier, nützt alles, was die Kunst an Schönheit
bietet, bedient gerade der Schönheit sich als seiner Waffe,
reckt sich hoch und stolz vor denen auf, die sich unsterblich
dünken, und wird ihnen bald, während er auf ihren
Thron den Erobererfuss setzt, in der Vollkraft seines
Siegerbewusstseins zurufen: „Raum für alle ! Ich bin Pan!
Auf die Knie mit Dir, Allvater Zeus 1“
Verlag der Socialistischen Monatshefte (M. Mundt) in Berlin W. 35