Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

718 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. 
seiner Zeit diese Lage nicht voll erkannte und noch weniger im 
Verlaufe ihrer Betätigung einschätzte. Friedrich der Große 
hat dann, ein „Rächer“ seines Vaters, durch seine Taten den 
latenten Zustand ins hellste Licht vor allem der deutschen Ge⸗ 
schichte gezogen. Aber schon die Ereignisse des letzten Jahrzehnts 
der Regierung Karls VI., der 1740 starb, offenbarten in 
den allgemeinsten europäischen Beziehungen die Schwäche des 
Hauses Hsterreich. 
Wie hatte man doch in einer vierzigiährigen Kampfes- und 
Heldenzeit von Türkenkriegen seit dem glorreichen Jahre 1083 
die Achtung Europas gewonnen: in ihnen vor allem war 
Ästerreich zum Range einer der ersten Großmächte empor— 
gestiegen. Wer hätte da wohl im Jahre 1736, im Todes⸗ 
jahre des größten Heros dieser Kämpfe, des Prinzen Eugenius, 
glauben mögen, daß mit ihm der gute Geist der Heldenzeit 
gewichen, daß schon in den nächsten Jahren eine schwere Nieder⸗ 
lage Österreichs in einem Türkenkriege möglich sei? 
Das Haus Habsburg hat sich in diesen Krieg der Jahre 
1736 bis 1739 eigentlich leichtsinnig eingelassen. Wollte man 
die Verluste an Land, die man in Italien erlitten hatte, an 
der Donau ersetzen? Glaubte man sich durch ein Defensiv⸗ 
bündnis mit Rußland, das seit 1726 bestand, in dem Grade 
gebunden, daß man sich mit all seinen Kräften einsetzen müsse? 
Kannte man zu wenig die innere Lage des eigenen Reiches, 
insbesondere der Finanzen, um ein Unglück für unbedingt aus⸗ 
geschlossen zu erachten? 
Die Türken hatten es seit Passarowitz mit schweren 
Kämpfen am entgegengesetzten Ende ihres Reiches, gegen 
Persien zu tun gehabt; erst im Jahre 1736 wurde dieser Zwist 
durch einen für Persien vorteilhaften Frieden beendet. Ein 
solcher Zustand war für Rußland, das durch seine Niederlagen 
am Pruth im Jahre 1711 den Zugang zum Schwarzen Meere 
verscherzt hatte, verlockend genug, um wieder einmal den alten 
Kriegspfad gegen die Türkei zu betreten. Aber es geschah 
ernstlicher erst eben um die Zeit des persischen Friedensschlusses,
	        
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