722 Einundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
und jeden, so doch mindestens den deutschen Besitz der Casa
d'Austria mit seinem Zubehör unbedingt in einer und derselben
Hand beisammen behalten. Die Sorge hierfür aber mußte sich
um so eher aufdrängen, als das Herrscherhaus auf wenigen,
und namentlich auf wenigen männlichen Augen stand.
Von diesem Standpunkte aus hatte schon Leopold J. 1703,
wenige Jahre vor seinem Tode, in einem Pactum mutuae
successionis bestimmt und dann in seinem Testamente vom
Jahre 1705 wiederholt, daß für den Fall, daß die damals
bestehenden Linien des Hauses Habsburg, die spanische seines
Sohnes Karl, des späteren Kaisers Karl VI., und die deutsche
seines Sohnes Joseph, des nachmaligen Kaisers Joseph J.,
ohne männliche Nachkommenschaft bleiben sollten, die weibliche
Erbfolge nach dem Rechte der Erstgeburt einzutreten habe:
und zwar derart, daß die weiblichen Nachkommen des älteren
Sohnes Joseph vor den Töchtern Karls rangieren sollten.
Dann war Leopold 1705 gestorben; 1711 starb auch
Joseph J., sein deutscher Nachfolger, mit Hinterlassung von
zwei Töchtern; und Karl, der Spanien aufgeben mußte, bestieg
jetzt den deutschen Thron. Nun hatte aber auch Karl, der
mit einer trefflichen braunschweigischen Prinzessin, Elisabeth,
vermählt war, von dieser unter den am Leben bleibenden
Kindern nur Töchter; die erste dieser, Maria Theresia, die
nachmalige Kaiserin, wurde am 18. Mai 1717 geboren. Auch
unter diesen Umständen wäre an sich, nach dem Paktum des
Jahres 1703, die Erbfolge wohl geordnet gewesen, hätte sich
nicht Karl VI. schon vorher entschlossen gehabt, aus eigner
Machtvollkommenheit als Haupt des Hauses seinen Kindern,
und falls er Söhne nicht hätte, auch seinen Töchtern das
Vorrecht der Erbfolge vor den Töchtern seines verstorbenen
Bruders Joseph zuzusprechen. Es geschah das in einer Be—
stimmung vom 19. April 1718, die, später erweitert und ver⸗
mehrt, als Pragmatische Sanktion bekannt geworden ist.
Als es nun immer unwahrscheinlicher wurde, daß Karl VI.
noch lebenskräftige Söhne haben werde, und als ihm in Maria
Theresia eine erste Tochter geboren wurde, da erwachte in dem